Berliner Seiten Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2001, Nr. 2, S. BS2

 

Rühmen das ist's. Wie ein Lehrer sein soll.

 

Außen hui, innen pfui: Erst wenn von außen mit dem Finger auf uns gezeigt wird, schämen wir uns für den Mißstand unserer Kultur. PISA verweist nur auf die Spitze eines Eisberges, oder genauer, auf den Kältegrad einer Gesellschaft, die Bildung nicht mehr als eigenen Wert achtet. Mein alter Lateinlehrer hat sich vermutlich aus Kummer darüber längst erhängt, und weil Lehrer jetzt pauschal als Sündenböcke für etwas herhalten sollen, was wir alle verbockt haben, sei seiner, meines geistigen Erziehers, an dieser Stelle gedacht.

 

Bei meiner Einschulung ins Gymnasium stand ein hagerer Mann mit kurzgeschorenen Locken im Schulhof. Meine Mutter erschrak, als wir hörten, daß er fortan mein Klassenlehrer sein sollte. Herr Wilhelm Milch. Ich hingegen liebte ihn sofort. Er war preußisch streng, schimpfte, wenn wir unsere Hefte vergaßen oder schludrig schrieben, und hieß uns aufstehen, wenn er uns Vokabeln abfragte. Aber: Er erzählte uns Geschichten wie kein anderer. Vom alten Rom natürlich. Und er scheute sich nicht, den Finger zu heben, wenn wir unruhig wurden: "Schaut mal hierher!" rief er und legte eine Pause ein. Wir sahen auf den Finger. "Hier springt gleich ein Frosch raus!" Wir lachten und lernten, dass Frosch "rana" heißt.

 

Als wir älter wurden, zogen solche Nummern nicht mehr; Herr Milch erfand andere Methoden, uns zu fesseln, die im Grunde alle auf eines zurückzuführen waren: seine Begeisterung. Ob Horaz oder Vergil, ob Schlachten oder Mythen: er vermittelte uns die Antike als eine Welt großen Reichtums. Ein Reichtum, der nicht in Geld zu bemessen ist, sondern sich in der Schönheit eines Verses fand, in der Sperrigkeit eines Rhythmus, in der Haltung eines Menschen. Ehre, Würde, Achtung: das erklärte uns ein Mann, der, um studieren zu können, lange von Brot und Hartwurst leben und in der Fußballmannschaft der Uni mitspielen mußte. Was nicht sein Lieblingssport war. Herr Milch

 

Als wir älter waren, erzählte er uns von der Liebe, von der Ruhmsucht und der Freundschaft. Und in der Oberstufe begann er, uns höflich zu siezen. Ich sagte, das wäre ja so, als würde mein eigener Opa Sie zu mir sagen. Er schmunzelte. "Für so alt halten Sie mich also schon?" O weh, wie peinlich. Ich sah ihn an. Ich hatte nie über sein Alter nachgedacht, er schien mir so zeitlos wie die Oden, die er mit uns übersetzte, doch sein Haar war mit den Jahren grau geworden.

 

Aschfahl würde sein Antlitz vermutlich vor Ärger und Trauer, wenn er heute in der Zeitung lesen müßte, was ein Deutschlehrer kürzlich beklagte: daß die Lehrpläne so eng gefaßt seien, daß man nicht einmal mehr Goethe und Schiller unterbringen könnte. Herr Milch kam am Samstag morgen in die Klasse, bat uns, die Fenster zu schließen, und begann eindringlich, doch ohne Pathos zu deklamieren: "Rühmen, das ist's! Ein zum Rühmen Bestellter, / ging er hervor wie das Erz aus des Steins /


Schweigen. Sein Herz, o vergängliche Kelter / eines den Menschen unendlichen Weins." Zeilen aus Rilkes "Sonetten an Orpheus" waren es, mit denen er seinen Exkurs über das "Selbstverständnis des Dichters in der Antike und im zwanzigsten Jahrhundert" einleitete. Ich wette mit Ihnen um eine Geschichte, daß dies in keinem Lehrplan vorgesehen war. Und doch hat es mich unendlich beeindruckt und geprägt, wie alles, was mir dieser Lateinlehrer beigebracht hat.

Wenn man kein Geld hat und nur der Wirtschaftsstandort zählt, woraus kann man sein Selbstbewußtsein beziehen? Als Anna Seghers nach vielen Jahren des Exils nach Deutschland zurückkehrte, sagte sie: In allen Kümmernissen, in Not und Armut hat uns immer der Gedanke an die deutsche Sprache getröstet.

Was uns Bildung bedeutet

Sie finden das pathetisch? Das macht mir nichts aus. Was ist denn Bildung? Ist es nicht das Formen eines Menschenkindes zu einem freundlichen, mutigen Menschen, der vieles weiß und etwas damit anzufangen versteht? Das könnten die deutschen Schüler besonders schlecht, heißt es in der PISA-Studie, ihr Wissen anwenden. Aristoteles definierte Intelligenz als die Fähigkeit, Metaphern zu bilden. Na? Und wie lernt man das am besten? Bitte. Indem man Gedichte liest.

 

Schriftsteller, also Leute, die in der Regel zur Bildung von Metaphern neigen, heißen im Management von Verlagskonzernen "content provider", "Inhaltslieferanten". Horaz und Shakespeare und Herr Milch würden darüber lachen, weinen oder grübeln, in was für einer Welt Lehrer nun alles ausgleichen sollen, in der sogar Dichter mit solchen Unworten bezeichnet werden. Nein, meine Damen und Herren, Sie und ich, wir müssen erst einmal wieder klarstellen, was uns Bildung bedeutet, die Kenntnis von Literatur und Kunst, Naturwissenschaften, Mathematik, kurz: das Wissen vom Menschen. Wir müssen unsere Wertschätzung denen entgegenbringen, die unsere Kinder erziehen. Nur weil ich mich Herrn Milch verpflichtet fühle, werde ich jetzt nicht ausfallend, aber Lehrer, Kindergärtner und Mütter, die sich um ihre Kinder kümmern, sind hierzulande keinen Penny wert. Die Bildungskrise ist nur das Symptom einer viel tiefgreifenderen Krise. Der unseres Selbstverständnisses nämlich. Die Frage, wer wir sind, wohin wir gehen und was wir für gut und wert erachten. Nicht um längere
Schulzeiten geht es, nicht um früheres Lernen: um innere Zuwendung geht es.

Wir können von keinem Lehrer erwarten, daß er unsere Kinder begeistert, wenn wir selbst den Kindern nichts vorlesen.

In Herrn Milchs Unterricht gab es kein Kind, das sich seiner Begeisterung entziehen konnte, keines, dessen Lust, zu entdecken, dessen Ehrgeiz, mitzuhalten, nicht geweckt wurden. Herrn Milch war es völlig egal, aus welchem Milieu ein Kind kam; vor ihm waren wir alle gleich. Und das war gut so. Das war unsere "Chance". Er sah, was wir konnten, und er wollte, daß wir das auch sahen.

 

Herr Milch hat mich auf immer verdorben. Zum Rühmen Bestellte, das müssen Lehrer sein. Es ist an uns, sie dazu zu machen. Und: Wir müssen rühmen, woran uns liegt.

 

Die 1962 geborene Autorin lebt in Berlin. 1999 erschien ihr Roman "Cap Estérel" im Verlag Volk und Welt.

 

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DARAUF FOLGTE FOLGENDER LESERBRIEF

 

Berliner Seiten Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2002, Nr. 2, S. BS2

 

Frommer Wunsch

 

Zu: "Rühmen, das ist's! Wie ein Lehrer sein soll", Berliner Seiten vom 20. Dezember 2001.

 

Ja, so sollen die Lehrer unserer Kinder sein. Tanja Langer werde ich rühmen bei jedem meiner Vorträge, bei jedem Partygespräch. Sie hatte das Glück, einen Herrn Milch vor sich zu haben, offenbar über einen längeren prägenden Zeitraum, mein Virtuose vor der Tafel hieß Alfred Meyer, wenn auch nur für zwei Jahre.

 

Aber mal ehrlich, glauben Frau Langer und all die ihr zustimmenden Leser, wir können in Berlin 15 000 solcher Lehrerinnen und Lehrer finden? Kann man glauben, daß der öffentliche Dienst ein Instrumentarium hätte, alle durch die Prüfung sausen zu lassen oder durch einen Einstellungstest, die nicht ein Ebenbild des Herrn Milch sind?

 

Nein, die Wahrheit ist, daß bereits bei der Aufnahme des Studiums eine bestimmte Auswahl - jedenfalls nicht das obere Leistungsdrittel - der Abiturienten den Lehrerberuf anvisiert, daß das Berufsimage des Paukers in der Öffentlichkeit nicht zur Berufswahl animiert und daß die Rahmenbedingungen der real existierenden Schulen nicht gerade verlockend sind. Wir werden wohl zufrieden sein müssen, wenn die schulpraktische Ausbildung gut ist, die Schulaufsicht funktioniert, die Eltern ihre Aufgaben ernst nehmen und die Schüler mit der Bereitschaft, etwas zu lernen, in die Schule kommen. Wenn der Lehrer dann noch hinreichend Modell ist, dann ist alles darüber ein schöner Glücksfall oder ein frommer Wunsch.

 

Wilfried Seiring, Leitender Oberschulrat a. D., Berlin-Schöneberg