RESONANZEN auf Tanja Langers 2. Roman "Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich"

Der Hinweis im Tagesspiegel vom 4.3. zeugt von fundierter Lektüre ...
Der tip hat ein interessantes Interview veröffentlicht ...
Beim zdf kann man eine Lesung in Leipzig anschauen.
In der Literarischen Welt vom 9.3. schreibt H. C. Buch,
in der Zeit vom 19.3. Thomas E. Schmidt,
in LISTEN - einer Rezensionszeitschrift für Buchhändler Kirsten Prinz.
in der Berliner Zeitung vom 6.4. Andreas Mix,
in den Kulturnews ein gewisser cor ...
Am Sonntag, 28. April wurde auf RADIOkultur in der Sendung ab 18:15 ein Interview ausgestrahlt und ab 18:30 eine 30-minütige Lesung gesendet.
Die stimmigste Kritik steht in Literaturen 05/02.
Das Goethe-Institut in Bordeaux sieht es in einem größeren Zusammenhang.
Die jungeforschung findet ihn "bemerkenswert".

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Literaturen 05/02 Seite 72f

Hitlers Mentor
Tanja Langer rekonstruiert das Leben eines Nazi-Schriftstellers und Morphinisten

Man könnte an diesem Buch einiges aussetzen: Es ist lang, manchmal auch langatmig, und der Leser braucht eine Weile, bis er in der Lage ist, sich in dem erzählerischen Labyrinth aus historischen Fakte und fiktiven Spiegelungen zurechtzufinden. All diese Klippen hätte Tanja Langer vermeiden können, wäre sie dem zur Zeit so verbreiteten Brauch gefolgt, die Erzählungen einfach und das Personal überschaubar zu halten, jeden historischen Bezug auszublenden und die Inhalte aus der Lebenswelt junger Partybesucher zu beziehen. Doch diese Schriftstellerin will es weder uns noch sich selbst leicht machen; sie geht das größtmögliche Risiko ein.
    Die Heldin von Langers zweitem Roman "Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich" verfasst eine Biografie Dietrich Eckarts eines Morphinisten, mäßig erfolgreichen Schriftstellers und Agitators aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung, der Adolf Hitlers Mentor war - der zweite Teil von "Mein Kampf" ist ihm gewidmet. Zugleich bewegt sie sich in ihrer eigenen Familiengeschichte zurück und erkundet die problematische Beziehung zu ihrem Vater.
    Die Passagen, in denen Tanja Langer das Leben und die von grimmiger Paranoia gezeichnete Persönlichkeit Eckarts rekonstruiert, sind vielleicht die besten: Es gelingen ihr wunderbare Absätze der einfühlenden Analyse, frei von Sympathie und doch geprägt von Verständnis: "In das Fell eines anderen zu schlüpfen bedeutet, die eigene Haut kennenzulernen. Seit ich begonnen habe, mich mit Dietrich Eckart zu beschäftigen, habe ich dieses Gefühl, und auch jetzt, da ich beginne, meinen Weg zu ihm in Worte zu fassen, laufen diese in meine eigene Vergangenheit zurück: es ist wie ein Zwang, vielleicht ein Mangel an Konzentration, weil der Kopf zu voll ist - zu voll von mir selbst."

Zwischen den Traditionen
In diesen Sätzen liegt das Grundkonzept des Romans, der erstens Eckarts Lebensgeschichte, zweitens den Weg der Erzählerin zu dieser Lebensgeschichte und drittens die dadurch entstehende Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer Familie und ihrem Vater erzählt. Das Eckart dabei etwas Über-Väterliches bekommt, liegt in der Natur der Sache; hier tut Tanja Langer manchmal etwas zu viel des Guten, erklärt zu deutlich Parallelen, die für den aufmerksamen Leser auf der Hand liegen: Die Person und die Geschichte Eckart wirken ohnehin so interessant, vieldeutig und fesselnd, das man gerne auf manche Gegenwartsepisode verzichtet hätte, um ihnen mit weniger Unterbrechungen folgen zu können.
    Aber Tanja Langers Roman ist eben in den metatextuellen Traditionen der Postmoderne verwurzelt (immerhin haben wie hier eine Erzählerin vor uns, die von einer Erzählerin spricht, die an jener Erzählung arbeitet, die wir gerade lesen), aber auch in der leicht larmoyanten, doch stilistisch bis zum Äußersten ausgefeilten deutschen Vergangenheits- und Familienbewältigungsliteratur. Manchmal wünschte man sich, die Autorin hätte sich deutlicher für einen der beiden Traditionsstränge entschieden. Doch es macht ja gerade die Eigentümlichkeit dieses im ursprünglichen Wortsinn experimentellen Romans aus, dass er sich zwischen alle Traditionen stellt, von der gelehrten historischen Miniatur unmittelbar in die lyrisch-impressionistische Skizze springen und in seinen besten Momenten sogar beides vereinen kann: "Der Verkehr ist laut; dennoch höre ich die Vögel tschirpen, ich höre den Wind, der die Blätter rascheln läßt, Er riecht ... es riecht ... nach gar nichts. Was, wenn sich unter dem Tiergarten Beton befände und der Garten darauf künstlich angelegt wäre (...) Von diesem Platz aus fällt der Blick auf die Stelltafel Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ausgerottet wie die Kolkraben, denke ich, denn die Kolkraben lebten einst in unseren Gefilden, doch bis auf einige Ausnahmen haben sich nur ihre Brüder, die Nebelkrähen, hier gehalten. (...) Das Goethe-Denkmal ist von Schaper, es soll wohl den 'reifen Dichter auf der Höhe seines Erfolgs' zeigen, lässig in der Haltung, souverän. Melancholisch. Mit enormen Mundwinkeln. Macht wohl traurig, der Erfolg."
     Wie hier der erzählerische Blick von Autoverkehr und Parkanlage der Berliner Gegenwart zum Entsetzen deutscher Vergangenheit und von dort wiederum zu Goethe, zu deutscher Kultur und der Albernheit ihrer öffentlichen Darstellung springt, ohne je zu viel oder zu wenig ironische Distanz einzunehmen, das machen Tanja Langer heute nicht viele Autoren nach. An solchen Stellen kommen all die heterogenen Aspekte des Buches zur Deckung, und das große Risiko, das Tanja Langer eingegangen ist, macht sich bezahlt. Es ist kaum möglich, die Komplexität und den Wagemut dieses Romans nicht zu bewundern.
Daniel Kehlmann
(kursivsetzung vom sätzer)

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Tagesspiegel vom 4.3.2002
TICKET-TAGESTIPPS Seite 30

Tagesspiegel vom 26.02.2002
Vorschau
Schreibwaren
Jörg Plath über Teufelsaustreibungen und Telefonbücher
" ... Auch der Frühlingsmonat März ist da. Und er ist kalt, so schnell geht das. Tanja Langer, deren fiebrig-intensiver Liebesroman "Cap Esterel" in guter Erinnerung ist, eröffnet ihn mit einer Lesung aus "Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich" in der Autorenbuchhandlung (4.3., 20 Uhr). Der Verlag nennt den Roman eine "Prosa-Erkundung", weil Langers Erzählerin dem Leben von Dietrich Eckart, einem glühenden Antisemiten und Wegbereiter der Nazis, auf sehr persönliche Weise nachgeht: "Ich schlüpfe in das Fell, das er trug." Der Feind sitzt innen. "

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Im Umfeld der Leipziger Buchmesse hat das zdf eine Lesung gesendet, die man sich via Realplayer immer wieder anschauen kann.

Bitte klicken Sie hier: http://www.zdf.com/wissen/aspekte/leipzig/60160/index.html

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Literarische Welt vom 9.3.2002

Mainacht mit Folgen
Tanja Langers "Morphinist" handelt von der Unfähigkeit, eigene Mittelmäßigkeit zu ertragen

(...)
Nach Lektüre der ersten fünfzig Seiten ist man versucht, den Roman aus der Hand zu legen, aber wer die Durstrecke übersteht, der findet sich reich belohnt: Selbst überflüssig wirkende Wiederholungen und andere störende Details schießen am Ende zu einem Mosaik zusammen, dessen Bausteine einander ergänzen zu einem in sich stimmigen, spannenden Text, dessen Sog der Leser sich nicht mehr entziehen kann.
(...)
Lohnt es sich überhaupt, an solch eine Unperson zu erinnern und, wenn ja, mit welchen literarischen Mitteln lässt sich ihre Geschichte erzählen? Gewiss nicht mit der Selbstgerechtigkeit Nachgeborener, die den toten Faschismus noch einmal besiegen, indem sie dessen völkische Mystik und pseudowissenschaftliche Rassenlehre als peinliche Entgleisung oder vermeidbaren Irrtum abtun, ohne sich auf die Zeitumstände einzulassen, denen der monströse Hass seine Entstehung verdankt.

Die Gnade der späten Geburt reicht als Erzählperspektive nicht aus. Es geht darum, die geistige Physiognomie der Epoche vor und nach dem Ersten Weltkrieg möglichst umfassend zu rekonstruieren, und dieser Aufgabe unterzieht sich Tanja Langer wie eine Restauratorin, die auf einer brüchigen Leinwand verblasste Farben sichtbar macht, mit Ausdauer und zähem Fleiß, wobei sie den abwegigsten Details geduldig nachspürt.

Der aufklärerische Impetus Tanja Langers liegt im Erschrecken über sich selbst, wie es der Untertitel "Die Barbarin bin ich" zum Ausdruck bringt, das heißt im Eingeständnis der negativen Faszination einer Mord- und Totschlagsideologie, die heute nicht nur im Internet fröhliche Urständ feiert. "Der Schoß ist fruchtbar noch", schrieb Brecht vor über fünfzig Jahren, aber die verstörende Erkenntnis, dass auch irgendwo tief in ihm ein Antisemit steckte, hätte der Dichter mit dem marxistischen Durchblick empört von sich gewiesen, denn Faschisten waren und sind immer nur die anderen.

Dagegen zeigt Langer, warum nicht bloß randalierende Fußballfans und andere Dumpfbacken auf Naziparolen hereinfallen und wie der mit nordischer Mythologie verbrämte Judenhass auch klügere Köpfe in seinen Bann geschlagen hat. Im gelungensten Kapitel, das in einer Mainacht im Tiergarten spielt, gibt sie hierfür Regel und Beispiel: Während Dietrich Eckart auf einer Parkbank nächtigen muss, läuft in seinem mit Morphium durchtränkten Hirn ein Horrorfilm ab, der "Peer Gynt" und Shakespeares "Sommernachtstraum", die "Edda", Wilhelm II. und die jüdische Theaterkritik zu einem Amalgam aus Spuk und Realität verschmilzt.

Der wie eine romantische Oper komponierte Text macht sinnlich nachvollziehbar, wie ein deklassierter Literat die Erkenntnis seiner Mittelmäßigkeit nur erträgt, indem er sein bis zum Todeswunsch gesteigertes Nichtigkeitsgefühl als Mordgelüst auf all jene projiziert, die anders und erfolgreicher sind als er. So wurde, in einer Mainacht des Jahres 1909, aus dem Heinrich-Heine-Verehrer Dietrich Eckart ein fanatischer Antisemit, und der im Roman geschilderte Mechanismus ist heute noch in Kraft.

(Wer den ganzen Text ohne Hervorhebungen des Sätzers lesen möchte, klicke hier: http://www.welt.de/daten/2002/03/09/0309lbel319052.htx)

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Zeit vom 6.3.2002

Das deutsche Unterordnungssyndrom

Tanja Langer ringt mit dem zähen nationalen Über-Ich

(...)

Warum soll sich eine junge Frau ausgerechnet in einer zentralen Figur aus der Frühgeschichte des Nationalsozialismus spiegeln? Warum in Dietrich Eckart, dem Dramatiker und antisemitischen Agitator, Mentor Hitlers, der ihm Mein Kampf widmete, "Hauptschriftleiter" des Völkischen Beobachters bis 1923, als er kurz nach dem Putsch im Münchner Bürgerbräukeller 55-jährig starb und danach zum Heiligen der "Bewegung" aufstieg?

Keine Gestalt könnte heute ferner liegen. Das macht den Reiz des Buches aus, treibt es aber auch immer wieder an den Rand des Misslingens: "Mein vertrauter, heimlicher, nicht faßbarer Feind. Es hat keinen Sinn mehr, seine Existenz zu leugnen, meine Beziehung zu ihm." Eine solche Beziehung wird aber nur plausibel, wenn man der Erzählerin ein gutes Stück weit in ihre Erinnerungen folgt. Dieses Buch ist eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Das verleiht dem Text einen gewissen Retrocharakter, doch die Weinerlichkeit der Töchterliteratur aus den Achtzigern fehlt; diese Erzählerin will nicht im Sumpf der Eltern stecken bleiben.

Von realen Naziverstrickungen ist schon aus Altersgründen nicht die Rede. Eine Mentalität wird erinnert, eine, die sich subtil bis in die jüngste Vergangenheit fortzeugte: Disziplin und Loyalität, das deutsche Unterordnungssyndrom. Die Nähe zu Eckart stellt sich allerdings nur durch eine literarische Übertragung her, der man folgen kann oder nicht: Dieser Dietrich wird nämlich unterm Zauberstab der Analogie zum Getreuen Eckart, zu der Mahner- und Warnergestalt aus der deutschen Heldendichtung, die auch in der Tannhäuser-Sage eine Rolle spielt und dort mit erhobenem Zeigefinger vor dem Hörselberg-Bordell Aufstellung genommen hat. Tieck und Uhland haben sich dieser Figur angenommen, und Tanja Langers Text ist natürlich auch ein Spiel mit Motiven der Schwarzen Romantik aus Deutschland: Wie treiben wir den Nazi in uns aus, wenn die ideologiekritischen Bannrituale nicht mehr funktionieren?

Hitlers getreuer Eckart wird hier zur symbolischen Verkörperung eines zähen nationalen Über-Ichs, das 1945 keineswegs verschwand. Es herrscht noch immer als ein Tabu, als Tabu beispielsweise, sich die eigenen Sehnsüchte nach kollektiver Zugehörigkeit einzugestehen, aber genauso als inneres Verbot eigener anarchischer Impulse. Was etwas vordergründig als literarische Reflexion über deutsche Treue eingeführt wird, hat bald mit dem täglichen kleinen Verrat und mit sexueller Untreue zu tun. Eckart ist auch dafür ein Gewährsmann. Er war der Ungetreue, Morphinist, Schwadroneur. Bohemien. Am Schluss ist die Treulosigkeit zum Ausdruck einer das Selbst rettenden Verwandlungskraft geworden. Wer zurücklässt, rettet sich und die Erinnerung an den Bleibenden: "Der Gedanke, den Vater verraten zu haben, ist leichter zu ertragen als der Gedanke, vom Vater verlassen worden zu sein."

(...)

(Man kann den vollständigen Text auch im G+J-Archiv lesen: http://www.pressedatenbank.guj.de)

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In LISTEN, einer Rezensionszeitschrift

Eine schlaflose Erzählerin eröffnet den Roman. Eine Erzählerin, die immer zum gleichen Zeitpunkt von der nationalsozialistischen Vergangenheit umgetrieben wird: "Immer war es am Ende meiner Schwangerschaften, daß er aufkreuzte und sich in meinen Träumen festsetzte, mich dickbäuchig und schwerfällig in die Bibliotheken trieb." Dieser "er" ist kein geringerer als Dietrich Eckart ­ "Antisemit und ,Dichter der Bewegung’, Fast-Gründungsmitglied der Deutschen Arbeiterpartei, der erste Redakteur des ,Völkischen Beobachters’".

Anders als ihre Eltern und Großeltern unternimmt die Erzählerin den Versuch, sich mit der eigenen Prägung durch die Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei wendet sie eine überraschende Strategie an: Sie taucht kapitelweise in den Körper Dietrich Eckarts ein, um so die Psyche dieses (prä-)faschistischen Charakters aus der Introspektive zu inszenieren ­ denn: "In das Fell eines anderen zu schlüpfen bedeutet, die eigene Haut kennenzulernen." So verleiht sie dem obdachlosen, morphiumsüchtigen Dietrich Eckart, der 1909 halluzinierend durch den nächtlichen Berliner Tiergarten wandelt, in einem langen inneren Monolog Stimme. Diese In-Szene-Setzung Eckarts wird jedoch immer wieder von Kapiteln unterbrochen, die in der Gegenwart spielen. In diesen Passagen spricht die Erzählerin von ihrer früheren Theatertätigkeit, die sie zu Gunsten der Rolle als Hausfrau und Mutter vorübergehend aufgegeben hat, und von den mühsamen abendlichen Bibliotheksrecherchen. Ungewöhnlich dabei ist, dass dieser Dietrich Eckart anziehend auf die Erzählerin wirkt. Beiden ist eine rebellische Haltung gegenüber bürgerlichem Lebenswandel, die Liebe zum Theater und die Verehrung von Ibsens Peer Gynt gemein. Diese Anziehung wird zum Antriebsmoment der Romanhandlung. Das aus Faszination erworbene historische Hintergrundwissen wird der Eckart-Figur in den Mund gelegt und macht die Nähe von Kaisertreue und Astrologie, von völkischer Ideologie und elitärem Künstlertum sichtbar. Die Vielschichtigkeit der Figuren sowie die dramaturgisch minutiös und lebendig gestalteten Dialoge und Monologe sind die Stärken des Romans. Spannung und Komplexität erzeugt die Autorin überdies durch die Positionierung ihrer Erzählerin: Diese verschwindet hinter den Äußerungen ihrer Figuren, hält jedoch die Fäden in der Hand und erweist sich deshalb als die eigentliche "Barbarin", die faschistoide Phantasien inszeniert, um sie zugleich auf diese Weise stillzulegen: "Wenn es gelingt, aus dem schwer zu Fassenden eine Geschichte zu formen, wenn es gelingt, dem Flüchtigen etwas abzutrotzen, verliert es vielleicht nur wenig von seinem Schrecken. Und doch entsteht etwas dabei, das ich dem Schrecken entgegensetzen kann." Schreiben wirkt somit heilend und lässt die Ich-Erzählerin in ihr eigenes "Fell" und in ihr Familienleben zurückkehren. Fraglich bleibt, ob diese Textstrategie ­ dieses Pendeln zwischen der Inszenierung des (prä-)nationalsozialistischen Milieus und dem Rückzug in die Gegenwart ­ tatsächlich die gegen Ende beschriebene Klärung mit sich bringen muss. Dennoch: Mit dieser Verbindung von Dekadenz, Boheme und Nationalsozialismus betrachtet sie die Vergangenheit aus einer bislang vernachlässigten Perspektive. ­ Ein ebenso irritierender wie lesenswerter Roman.

Kirsten Prinz

(Wer sich selbst vergewissern will was sonst noch besprochen wurde, klicke hier http://www.listen-rezensionen.de/Pages/Frames/Frameset.html und schaue dort unter "Romane" ...)

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Zwischen Judenhass und Mutterglück

Tanja Langers Versuch, zwei verschiedene Lebensläufe zu erzählen

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Versatzstücke dieser Biografie montiert Langer in den Roman, wobei der Schwerpunkt auf Eckarts Zeit in Berlin liegt. Der Dramatiker und fixende Dichter aus dem Kaiserreich interessiert sie mehr als der antisemitische Publizist der frühen Weimarer Republik. Der detektivische Blick der Erzählerin wechselt mit der Perspektive des Protagonisten, Zitate aus seinen Werken und zeitgenössischen Kritiken finden sich ebenso wie Dialoge zwischen der Erzählerin und ihrer Hauptfigur und Sequenzen aus der nordischen Mythologie. In den knapp gehaltenen Abschnitten, in denen Eckarts Beziehung zu Hitler skizziert wird, gerät auch die Münchener Gesellschaft in den Blick, in der Hitler vom Trommler zur Galionsfigur der radikalen Rechten aufstieg.

Die ironische Schilderung einer Sitzung der Thule-Gesellschaft, in der die illusteren Mitglieder aus Wirtschaft, Politik und Kultur Wagneropern mit der Wirklichkeit verwechseln, gehört zu den atmosphärisch dichtesten Passagen in den Abschnitten des Buchs, die Eckarts Biografie thematisieren. Sie bleibt jedoch der Lebensgeschichte ihrer Erzählerin untergeordnet. Allenfalls der Konflikt zwischen der Erzählerin und ihren Eltern zeigt eine lose Verbindung zu Eckarts Lebensgeschichte. Als jugendliche Mitläufer kleinbürgerlicher Provenienz erlebten sie den Nationalsozialismus und den Verlust der schlesischen Heimat; beides verdrängten und beschwiegen sie erfolgreich während des wirtschaftlichen Aufbaus der Bundesrepublik.

Ebenso typisch wie diese Lebensläufe sind die Fragen der Tochter an die Eltern nach ihrer Alltagserfahrung des Nationalsozialismus. Der Konflikt, der durch den plötzlichen Tod des Vaters noch einmal Raum gewinnt, ist jedoch nur eines der Themen aus der Familien- und Lebensgeschichte der Erzählerin. An ihre Herkunft und ihren sozialen Aufstieg durch ihr Studium wird sie in der bildungsbürgerlichen Gesellschaft, in der sie sich nun bewegt, immer wieder erinnert. Das in Dialogen und Beschreibungen gewickelte Plädoyer für ein demokratisches Kulturverständnis und Chancengleichheit bricht sich an dem obsessiven Interesse für Eckart, der bereits vor seiner antisemitischen Agitation ein aristokratisches Menschenbild pflegte. Dieser Widerspruch wird durch die Figur des Geliebten der Erzählerin noch verstärkt. Als Junggeselle, der in großbürgerlichen Salons verkehrt, erfolgreicher Schriftsteller und Bewunderer Ernst Jüngers steht er im Kontrast zu ihr, der verheirateten Mutter dreier Kinder, die um ihre Identität als Autorin ringt.

(...)

(Den vollständigen Text können Sie hier nachschlagen: http://www.berlinonline.de/kultur/lesen/belle/.html/belle.200214.01.html)

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kulturnews.de

Was für ein Titel, sogar two in one: "Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich". Sperrig, seltsam brutal. Eigentümlich wie der gesamte Roman. In fünf Kapiteln seziert die Ich-Erzählerin ihr Leben: "Täglich verabschiede ich dieses Bild, wer ich bin, was ich brauche, wonach ich mich sehne, und in meinem Kopf singt eine Stimme: Erinnere dich, um zu vergessen." Mit den selben Methoden der Psychologie und Geschichtsschreibung untersucht sie auch die Vita von Dietrich Eckart, des ersten Propagandisten der Nazis. Ein interessanter Grundgedanke, diese Parallelanalyse - angelegt wie eine Diplomarbeit, bereichert durch Zitate aus "Peer Gynt", Goethe-Gedichten und Wagner-Opern, unterbrochen von lebendiger und kluger Selbstschau der Ich-Erzählerin.
(...)
(cor)

(alles lesen: http://www.kulturnews.de/kulturnews/literatur/archiv/popup.php3?Rez_ID=714&zurueck=1)