Texte von Tanja Langer in der Literarischen WELT
    (44 Texte, eine Auswahl)

    22.03.2007

    Eva und ich, ich und Eva

    Michael Jürgs verfällt seinem Gegenstand

    Eva Hesses Platz in der Welt der Kunst ist unbestritten. Die amerikanische Künstlerin, die 1936 in Hamburg als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts geboren wurde und mit ihrer Familie 1938 in die Vereinigten Staaten auswandern mußte, avancierte durch ihren frühen Tod mit vierunddreißig Jahren zu einer Kultfigur. Hochbegabt, durchsetzungsfähig und dazu noch wunderschön, wurde sie auf den Sockel gehoben, vergessen und neu platziert: Inzwischen gilt sie als bedeutende Künstlerin der sechziger Jahre, die mit ihren überraschenden Materialien einen Paradigmenwechsel in der Formsprache des Minimalismus mit herbeiführte. Plastikschläuche, Fiberglas, Latex, Metall, Fundstücke, die in aufgehängtem Zustand länger wurden, deren Kanten weich waren. Die emotional aufgeladen waren, was sich in der sinnlichen Erfahrung sofort  mitteilte. Große Einzelausstellungen in Amerika, in der London Tate Gallery, aber auch 2002 in Deutschland, in Wiesbaden, haben ihre Leistung anerkannt.

    Dies ist die Ausgangslage für die neue, umfangreiche Biographie, die der bekannte Journalist Michael Jürgs (Jahrgang 1945) jetzt vorlegt. „Eine berührbare Frau“ heißt der Titel, eine Aufnahme Eva Hesses aus dem Jahr 1960 in schönem Schwarz-Weiß soll verführen, ein anziehendes halbes Lächeln. „Das atemlose Leben der Künstlerin“ wird uns versprochen, und was wir erhalten, ist die atemlose Schreibe von Michael Jürgs, der dem Mythos aufsitzt, von dem er die Künstlerin angeblich befreien möchte. Der sie trotz bester Absicht vereinnahmt, weil er das, was ihn fasziniert, zugleich in jedem Satz flieht.

    Jürgs beginnt mit einem Zitat aus einem Interview, das Eva Hesse kurz vor ihrem Tod 1970 gab. „Mir hat ein Arzt mal gesagt, dass er eine so unglaubliche Biographie wie die meine noch nie gehört hat. Haben Sie Taschentücher dabei?“ Jürgs folgt diesem schnoddrig-pathetischen Auftakt, und erzählt mit großer Hingabe, wie Eva Hesse nach zwei Operationen an einem Gehirntumor stirbt, in dem Augenblick, in dem sie ihren Durchbruch als Künstlerin schafft: Das damals wichtigste Kunstjournal, das „artforum“ hatte ihre Arbeit „Contingent“  auf den Titel gesetzt. Auf Seite 17 verweist Jürgs  darauf, daß der bescheiden geschätzte Wert von „Contingent“ heute bei neun Millionen Dollar liegt. Es geht hier selbstverständlich um eine Erfolgsstory. Die figürliche Kunst feiert zur Zeit ihren Höchststand, die Abstraktion kommt sicher bald wieder, da ist es gut, sich schon mal jemanden aus diesem Feld näher anzusehen. Noch dazu eine Frau, die ein wildes Leben führte, die verzweifelt war und sehr erotisch. Das vor allem sieht Herr Jürgs. Ein bißchen Wiedergutmachung betreibt er, und – diskret natürlich - ein bißchen Deutschmachung auch. Ein Viertel des Buchs: Hamburg-Altona, wo  Ruth und  Wilhelm Hesse mit ihren beiden Töchtern Helen  (geb. 1933) und Eva (1936) in der Isestraße lebte, in der der Autor selbst wohnt. Die Machtübernahme der Nazis und die verheerenden Folgen für die jüdische Familie; ihre schleichende und brutale Enteignung in detaillierten Zahlen. Die Kinder Helen und Eva wurden mit einem Kindertransport zunächst nach Holland geschickt, wo sie die Eltern drei Monate später abholten, um über England nach New York zu gelangen. Die Großeltern beiderseits kommen in Konzentrationslagern ums Leben.

    Jürgs ist dem Hinweis Eva Hesses gefolgt, die immer wieder von sich sagte, ihre Kunst sei autobiographisch zu verstehen, in all ihren Kunstwerken stecke ihr Leben. Nur zu schade, daß Jürgs sich so wenig gefragt hat, was das für diese Künstlerin heißt. Was  etwa Material für sie ist. Zum Beispiel spürt er durchaus geschickt auf, daß den Kindern beim Transport ein Schild mit ihrem Namen an einer Kordel um den Hals gehängt wurde. Doch er findet es hier nicht erwähnenswert, daß Hesse für zentrale Arbeiten Seile, Kordeln und Schnüre als Material entdeckte und bearbeitete. Daß sie Schnüre in Latex tauchte und daraus große hängende Gebilde schuf, wie „Rope Piece“ (1970), die wie dreidimensionale Bilder von Jackson Pollock anmuten, tanzende Netze im Raum, die das Verhältnis von Chaos und Struktur erhellen, und die Autonomie des Werks. Daß hier vielleicht Erinnerung eingeschlossen wurde, eine Erinnerung, die mit der haptischen Qualität jener Kordel um den Hals zu tun hatte, eingeschlossen in das unnahbare, abschließende Latex, das sich jedoch mit dem Älterwerden wieder öffnet, weil es zerbröselt. Diese Art vergänglicher Materialien hat Eva Hesse häufig verwendet, und Jürgs macht es sich zu leicht, wenn er sagt, das habe sie nicht interessiert. Er unterschätzt überhaupt das Wissen der Künstlerin um formale Dinge. Natürlich wird er sagen, diese Schlüsse könnte der geneigte Leser selber ziehen, das käme schließlich dreihundert Seiten später, da beschreibt er (in kurzen Absätzen) diese Arbeiten, „Rope Piece“ oder „Right After“ (1970), das sie right after, also gleich nach ihrer zweiten Tumoroperation gemacht hat, im Wettlauf mit der Zeit. Er beschreibt, daß sie ihr vom Kortison gezeichnetes Gesicht auf einem Foto hinter „Rope Piece“ verbirgt und denkt an: Eitelkeit.

    Für Jürgs bedeutet biographischer Zusammenhang vor allem: Liebesleid, Depression, Verzweiflung. Hesses Vater führte ein Tagebuch für die Kinder, eine große Collage. Eva Hesse war obsessiv im Dokumentieren ihres Lebens. Arbeitsbücher, Tagebücher, Kalender, die es jetzt sogar als Kultgegenstände faksimiliert zu kaufen gibt.

    Die Mutter Ruth verließ die Familie, als Eva Hesse keine zehn war. Sie stürzte sich von einem Hochhaus. Sie hat  viele Gründe gehabt. Hesses Vater sagte, daß Eva sie als Kind oft getröstet habe. Für Jürgs hat sie ein paar Hausfrauentugenden, Schönheit, Unglück. Ihre Nähmaschine wird erwähnt, daß sie Kinderkleider nähte und Geld damit verdiente, aber auch hier wird ein möglicher Zusammenhang mit den großen Tüchern, die Hesse später an Decken hängte, nicht gesehen. Wichtiger ist Jürgs: Ihre Labilität. Die findet er an Eva Hesse selber nämlich so wahnsinnig anziehend. Doch obwohl er leidenschaftlich viel über die Verlassensängste schreibt, unter denen Eva Hesse litt und die sie in ihren Tagebüchern schonungslos notierte, spricht er oft so, als könne er gar nicht verstehen, wieso sie überhaupt depressiv war. Kreativ und depressiv gleichzeitig schon gar nicht. Jürgs gefällt es, wenn Eva Hesse ihr Leid ironisch oder komisch bricht, doch wehe, sie setzt sich dem Terror ihrer Empfindungen aus. Die Kunsthistorikerin Isabelle Graws sieht in Hesse eine hochsensible Theoretikerin der Anerkennung, er eine wehleidige, verletzliche Frau. Er mißversteht, was die Künstlerin als Vorbehaltlosigkeit begreift, wenn sie sich selbst zum Material macht. Daß der Vorgang der Selbstdistanzierung sich im hochkomplexen Verhältnis zum Werk im Machen ereignet. Lieber fängt Jürgs an zu werten. Was normal sei oder nicht. Er zweifelt an Hesses subjektiver Wahrnehmung und verfehlt damit das Herz einer jeden Kunst. Er versteht „Little Eva“ besser als sie sich. Das ist zum Schütteln. Was nutzt es, daß er zig Leute befragte, die sie kannten? Er schildert ihre Entwicklung vor allem unter dem Aspekt ihrer Liebesbeziehungen, taumelnd von Augenblick zu Augenblick. Victor Moscoso, der erste Freund, Tom Doyle, der Bildhauer und Ehemann, mit dem sie 1964 und 1965 nach Deutschland ging, wo er ein Stipendium in Kettwig an der Ruhr hatte. Dort habe sich ihr Übergang zur dreidimensionalen Kunst ereignet, sagt Jürgs, doch man erfährt mehr über ihre „fast krankhafte Eifersucht“ und den „saufenden“ Ehemann als über die Produktion ihrer „Reliefs“, die sie am Ende des Aufenthalts in Düsseldorf zeigte.

    Von Sol LeWitt erzählt Jürgs, der Künstlerfreund, mit dem sie nicht geschlafen hat, und vielen anderen, die sie kannte oder liebte. Sie wirken wichtiger als das Studium an Designerschulen, als sie dem Wunsch des Vaters nach einem Broterwerb nachgibt, ihre grafische Arbeit für das Magazin „Seventeen“, das Studium schließlich bei Josef Albers und anderen an der  Yale School of Art and Architecture. Sie sei „tapfer“ gewesen und ehrgeizig. Jaja. Man sollte besser sagen: Sie hat sich systematisch mit Kollegen ausgetauscht und geackert wie ein Pferd. Ihre Gruppenaustellung „Eccentric Abstraction“ 1966 in der damals tonangebenden Galerie Fischbach war ein Erfolg.

    Es gibt Künstlerbiographien, die Bezüge transparent machen, ohne eindimensionale Deutungen zu zementieren. Das hochkomplexe Verhältnis von Kunst und Leben, das Jürgs beschwört, bekommt er nicht zu fassen. Er ist clever, sichert sich in viele Richtungen ab. Aber es ist nicht zu überlesen: Er will befingern, nicht begreifen. Er leiht sich ein Leben, er teilt es nicht. Allen Mühen zum Trotz: Diese Biographie ist ein trauriges Mißverständnis.

    Michael Jürgs: Eine berührbare Frau. Das atemlose Leben der Künstlerin Eva Hesse

    C.Bertelsmann. 376 Seiten

    09.12.2006

    "Liebesarten" fies und zart

    Das Leben ist ein Spiel: Ulla Hahn schreibt in ihren Erzählungen von alleinstehenden Frauen, von Geliebten mit ihren Freuden, Ängsten und Launen. Dabei hält sie den Leser mit ihrer Abwechslung und ihrer manchmal spöttischen, manchmal zarten Art bei Laune.

    Von Tanja Langer

    Früher wurde ein Erzählungsband nach einer wichtigen oder sogar der wichtigsten Erzählung der Sammlung benannt; heute wird dafür ein eigener Titel erfunden, der, so steht zu vermuten, verkaufsträchtiger scheint. "Liebesarten" müssen es deshalb sein für Ulla Hahns neuen Band, und hässliche rotglänzende Damenschuhe mit Stilettoabsätzen müssen zusätzlich irgendwohin locken. Sie stehen auf einem blassen Bügelbrett: Soll dies nun heißen, das Exzentrische (Vulgäre?) bricht in den faden Alltag ein?

    Auch wenn eine Geschichte tatsächlich "Rote Schuhe" heißt: "Avon läutet" wäre doch auch nett gewesen, da geht es nämlich um Täuschungen, oder "Mohr im Hemd", da geht es um eine etwas selbstdestruktive Form der Rache. "You shouldn't judge a book by its cover", hieß mal ein Lied, und Ulla Hahn versteht sicher etwas von Popkultur, doch in der Prosa, die sie hier schreibt, verbindet sie dieses Wissen mit der Lust am Altmodischen, dem literarisch Gebildeten zumal.

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    22.07.2006

    Frag ich die Sterne, sie schweigen

    Leben unter einer Glasglocke: Zum 200. Todestag der Dichterin Karoline von Günderrode

    Von Tanja Langer

    Ihr Element war das Feuer, auch wenn viele in ihr einen Luftgeist sahen. Sie war in Liebesdingen von tödlichem Ernst, auch wenn manche sie für unverbindlich hielten: Karoline von Günderrode, Dichterin der Romantik, geboren 1780 in Karlsruhe, gestorben mit 26 Jahren in Winkel am Rhein.

    Günderrödchen wurde sie gerufen, von Bettine von Arnim, die sie glühend liebte, von Carl von Savigny, der mit ihr kokettierte, von Gunda von Brentano, die ihr den Savigny ausspannte, und von Achim von Arnim, der vielleicht ihr einziger wirklicher männlicher Freund war. Die junge Frau aus verarmtem Adel verkehrte in jenen Kreisen, die Wolfgang Koeppen so treffend wie sarkastisch als "jeunesse dorée" bezeichnet hat, und die sich um 1800 in (und um) Frankfurt am Main in Salons über die Zeit austauschten, die ihnen wie eine Zentrifuge erschien.

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    27.05.2006

    Der Herr der Türme

    Andreas Platthaus hat eine Biographie des Bankiers Alfred Herrhausen geschrieben. Tanja Langer, die mit Herrhausen befreundet war, ist nicht sehr glücklich mit ihr

    Von Tanja Langer

    Er war ein gutaussehender, zierlicher Mann. Seine hellen Augen bestimmten das Gesicht: lebhaft, intelligent, warm. Ob sie grün oder blau waren, habe ich immer verwechselt. Seine Bewegungen waren umsichtig, manchmal sprang etwas Jungenhaftes, hinreißend Übermütiges heraus. Er zog ein Bein leicht nach. Er lächelte spitzbübisch. Überhaupt: Wie er lächeln konnte! Wenn er sich aufregte, wurde er hitzig und streng, die Augenbrauen schossen herausfordernd in die Höhe. So kannten ihn viele. Er war ein berühmter Bankier, vielleicht der berühmteste der deutschen Nachkriegsgeschichte: Alfred Herrhausen. "Der Spiegel" nannte ihn 1988 den "Herrn des Geldes", und die Wirtschaftswoche fragte: "Der mächtigste Mann Deutschlands?" Sein Büro lag oben über der Stadt Frankfurt am Main, in den Türmen. Der Herr der Türme war mein Freund.

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    22.04.2006

    Die rote Linie überschreiten

    Zoya Pirzad erzählt in ihrem Roman "Die Lichter lösche ich" eine leise Geschichte aus dem iranischen Alltag

    Von Tanja Langer

    Nichts ist einfach. Nichts in diesem Buch, nichts in dem Land, aus dem dieses Buch kommt und nichts für uns, die wir es lesen. Dabei mutet der erste Roman der armenisch-iranischen Autorin Zoya Pirzad überaus einfach an: Es ist die unspektakuläre Geschichte der Hausfrau und mehrfachen Mutter Clarisse, deren Leben auf zarteste Weise in Bewegung gerät, weil der poesieliebende Witwer Emil mit Kind und Mutter im Haus gegenüber einzieht. Dies geschieht in den sechziger Jahren in der Stadt Abadan, in deren Straßen der schwere Geruch der Erdölraffinerien hängt. Da geht es schon los, mit dem Komplizierten, denn der Roman nimmt Bezug auf eine Zeit, in der die aus militärischem Interesse betriebene Modernisierung zu Korrosionen führte, deren Folge jedoch 1980 die Gründung der repressiven Islamischen Republik war. Ein Moment der iranischen Geschichte wird beschrieben - doch so, als ginge es um heute.

    Amerikanische Konsumgüter und Redewendungen bestimmen den Alltag Clarisses. Das Erdöl teilt die Gesellschaft in zwei Klassen: Die Mitarbeiter der Erdölgesellschaft, die in guten Häusern wohnen, kostenlos Bus fahren und in "Clubs" Mittag essen - und eine verarmte arabische Bevölkerung, die in Slums lebt und Heuschrecken sammelt, um etwas zu essen

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    15.10.2005

    In Manitoba rumhängen mit Mennoniten

    Von Tanja Langer

    Nomi Nickel ist 16. Sie lebt in East Village, einer Mennonitengemeinde in Kanada. "Wir sind kein besonders dolles Volk" sagt sie. Angeführt wird es von Nomis Onkel Hans, von ihr genannt "Die Stimme", der streng über die Einhaltung aller religiösen Verbote achtet: Kein Sex zum Spaß, kein Tanzen, keine Drogen, keine Scheidungen. Wer aus der Reihe tanzt, wird exkommuniziert. Wie Nomis bildschöne Schwester Tash, die Drogen nimmt, mit ihnen dealt und eines Tages aus dem Ort verschwindet. Kurze Zeit später gefolgt von Nomis lebenslustiger Mutter Trudie. Zurück bleiben Nomi und ihr Vater Ray, dessen Leidenschaft extrem instabile Kohlenstoffe sind.

    Alles fällt auseinander, in diesem sonderbaren Ort "ohne Bar und Bahnhof". Es gibt den "echten" Ort, in dem die meisten Bewohner in einer Hühnerschlachtung namens "Happy Family Farm" arbeiten, und den "falschen": das Mennoniten-Freilichtmuseum für amerikanische Touristen, die sich die Freuden des einfachen Lebens ansehen wollen. Beide Dörfer, so Nomi, gleichen sich im Wettstreit "nicht von dieser Welt zu sein", die "Zeit tot zu schlagen, bis das Reich Gottes anbricht".

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    2004................................

    20.11.2004

    Meine Nerven sind zerrüttet, ganz ohne Katastrophe

    von Tanja Langer

    Ruthie ist die Freundin von Zoe. Zoe schläft mit Abe und findet, Ruthie könne doch auch mal mit Abe schlafen. Ruthie schläft mit Abe, und fortan will Abe nur noch mit Ruthie schlafen. Abe will Ruthie heiraten, aber Ruthie ist leider schon mit Eddie verheiratet und will ihn auch gar nicht verlassen. Abe weint. Ruthie weint. Dann schlafen sie besonders schön miteinander. Abe ist auch verheiratet, mit Dora. Dora glaubt, ihr Mann brauche keinen Sex. Und sie sagt zu ihrer Schwester Golda: "Er scheint die ganze Zeit im Büro zu sein. Je weniger ich ihn zu sehen bekomme, um so weniger fehlt er mir. Ist das nicht komisch?"

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    Lily Brett: Ein unmögliches Angebot. A. d. Engl. v. Brigitte Heinrich. Deuticke, Wien. 329 S., 22,90 EUR.

     

    09.10.2004

    Schläge, Granatäpfel

    Fast einer Erzählung: Die Schriftstellerin Tanja Langer bereiste die arabische Literaturlandschaft

    von Tanja Langer

    Ich habe eine große Reise gemacht. Überraschend, unvorbereitet, mit einer kleinen Tasche nur, darin Feigen, Datteln, eine Büchse Humus, die großen Stimmen des Libanon (Warda) und Ägyptens (Umm Kulsum) im Discman, und eine Handvoll Erinnerungen an reiche Libanesen in Paris und eine unschuldige Nacht mit zwei tunesischen Mitstudenten, wir drei in langen Djelabahs auf einer Matratze. Ich fuhr in rumpligen Bussen, per Anhalter im klimatisierten Mercedes, ich ritt auf einem Kamel und fuhr mit einem Moped durch lärmende Straßen. Die Zeit blieb stehen und streckte sich, einige Tage verbrachte ich in Algerien und Marokko, einige in Ägypten und Palästina. In Jordanien schlief ich hinter einer baufälligen Moschee, aus dem Irak floh ich, und nach Isfahan in Iran, wo man nicht Arabisch, sondern Persisch spricht, lockte mich eine Dschinnin mit länglichen Augen, die mir in einer schlaflosen Nacht auflauerte, als magere Katzen in Kairos leeren Straßen in den Mülleimern nach Eßbarem suchten. Wer ihr folgt, den zieht sie hinab in die Erde, eine orientalische Undine, und wer zurückkommt, bleibt besessen...

    Es war eine Reise im Kopf, durch eine Landschaft, die mehr als 20 Länder umfasst, den Maghreb im Westen, den Maschreq im Osten und die arabische Halbinsel, und es waren vorwiegend Frauen, die mich lockten, führten und verwirrten. Rabiat, wütend, leidenschaftlich schrieen und flüsterten sie mir die Geschichte ihrer von Diktaturen, Kolonialisation und Kriegen gebeutelten Ländern entgegen, die sie nun selbst erzählen wollen, von Unterdrückung und Zorn; sie wisperten mir ihre Sehnsucht ins Ohr und machten sich lustig über Gott und die Welt. ...

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    04.09.2004

    Als Mutters Augen grau wurden

    von Tanja Langer

    Der Vater ist Ägypter, die Mutter ist Finnin. Der Vater ist Hydrogeologe und forscht in der Wüste nach Grundwasser; die Mutter hat hellblaue Augen, die dem Vater wie das Wasser scheinen, in dem er allen Schmutz und Sand von seinen Händen und seiner Seele waschen kann. Die Liebe beginnt, die Liebe wächst, die Liebe macht zwei Töchter. Eine erzählt diese Geschichte von ihrem Heute aus, vom Wissen um die Unmöglichkeit dieser Liebe.

    Ranya Paasonen, die diese traurig-schöne Liebesgeschichte geschrieben hat, ist dreißig Jahre alt und die Tochter einer Finnin und eines Ägypters. Sie wurde in Indien geboren, lebte mit der Familie in Libyen, Ägypten, in Saudi-Arabien und heute in Helsinki. Und sie schreibt, wie man vielleicht nur in diesem Alter schreiben kann, voller Hoffnung über all die Hoffnungslosigkeiten eines Lebens, das so lange noch gar nicht währt. Voller Melancholie über die Vergänglichkeit, ohne erfahren zu haben, wie weit die Strecke ist, die noch zu gehen bleibt. Das ist seltsam und anrührend und bringt eine eigene Poesie hervor, in der sich ein magisches Wahrnehmen von Welt verbindet mit der Traurigkeit eines alten Kindes, das schon so viel wissen muss.

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    Ranya Paasonen: Der Stand der Sonne. A. d. Finn. v. Stefan Moster. dtv, München. 156 S. 12,50 EUR.

     

    17.07.2004

    Sisyphos und die Schuld der Deutschen

    Überarbeitet nach 20 Jahren: Gert Heidenreich und sein zweiter Roman "Die Steinesammlerin von Etretat"

    von Tanja Langer

    Die Steinesammlerin" hieß der zweite Roman des damals 40-jährigen Schriftstellers Gert Heidenreich. Politisches Engagement, Nachdenken über Deutschland spielte darin eine wichtige Rolle. Zwanzig Jahre später hat Heidenreich, der mit politisch orientierten Gedichten und Prosawerken bekannt wurde, den Roman überarbeitet. Noch ein Fall von politischem Revisionismus?

    Etretat ist ein Ort an der normannischen Küste. Dort hält sich ein namenloser Schriftsteller auf, der in der Mitte seines Lebens in einer Krise steckt. Er räsonniert über eine Verbindung zwischen seiner Melancholie, seiner Zukunftsangst mit dem allgemeinen Zustand der Welt. Diese Welt sieht er in einer konsequenten Folge des Faschismus als System der Trennung von Lebensbereichen, altmodisch "Entfremdung" geheißen, und dem zynischen Umgang mit "Menschenmaterial" und natürlichen Ressourcen. In diesem Sinne steht ein Zitat von Albert Camus als Motto dem Buch voran: "Die Scheidung des Menschen von seinem Leben ist genau das Gefühl der Absurdität." Sinnbild für die Auflehnung gegen diese Absurdität ist bei Camus Sisyphos; und eine solche Sisyphosfigur ist die "Steinesammlerin" Violette.

    Violette ist eine alte Frau, die der Autor am Strand beobachtet. Wie von einem Pendel geführt, bewegt sie sich und sammelt Steine. Sie setzt die Fantasie des Erzählers in Gang, er erfindet ihr eine Geschichte, die er halb zubeweisen sucht, indem er im Dorf recherchiert.

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    Gert Heidenreich: Die Steinesammlerin von Etretat. Marebuchverlag, Hamburg. 223 S., 22 EUR.

     

    10.07.2004

    Mongolentöpfe und Balsameuse

    von Tanja Langer

    Dai Sijies erster Roman, "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", der von der Macht der Literatur in den Zeiten intellektueller Unterdrückung erzählte, war ein sensationeller Erfolg. Die beiden jungen Helden, die während der Kulturrevolution in Maos China zur Umerziehung in ein Bergdorf geschickt wurden, gewannen nicht nur das Herz der kleinen Schneiderin, wenn sie Propagandafilme und heimlich gelesene große europäische Romane des 19. Jahrhunderts nacherzählten. Die Adaption fürs Kino war überall in der Welt zu sehen, nur nicht in China. Denn China gehört immer noch zu den Ländern, in denen Worte für Aufruhr sorgen und Schriftsteller ins Gefängnis wandern.

    Dai Sijie, der 1954 in der Provinz Fujian geboren wurde, hat das Land 1984 verlassen, als er - mit einem staatlichen Stipendium - in Paris studieren durfte. Er blieb, machte Filme über sein Heimatland und begann zu schreiben. Auf Französisch. Und auf eine Weise, die die chinesische Welt den Franzosen ebenso zu erklären versucht wie den Chinesen, die ihn nicht lesen dürfen. Dai Sijie ist ein cross-culture-Autor der besonderen Art, dies beweist sein zweiter Roman "Muo und der Pirol im Käfig".

    Im Jahr 2000 kehrt Muo, der sich in Paris zum Psychoanalytiker ausgebildet und eifrig die Theorien von Freud und Jacques Lacan studiert hat, nach China zurück, um dort sein Glück als erster chinesischer Traumdeuter zu machen. Er ist so kurzsichtig wie belesen und so tollpatschig, wie es sich für einen intellektuellen Naivling gehört. Muo will seine Jugendliebe "Vulkan des alten Mondes" aus dem Gefängnis befreien und gerät an den korrupten Richter Di, der sich den kapitalistischen Zeiten mit saftigen Schmiergeldern so erfolgreich angepasst hat, dass er sich für Geld gar nicht mehr interessiert. Als Gegenleistung für sein Entgegenkommen fordert er: eine Jungfrau. Jungfrauen aber sind im China von heute so rar wie andernorts auch.

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    Dao Sijie: Muo und der Pirol im Käfig. A. d. Frz. v. Gìo Waeckerlin Induni. Piper, München. 390 S. 19 EUR.

     

    06.03.2004

    Das verrückte Jahrhundert

    In Ketil Bjornstads Familienroman spiegelt sich halb Europa

    von Tanja Langer

    Die "Villa Europa" ist ein schönes, großes Haus am Fjord in Oslo, Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Die reiche Unternehmertochter Nina Ulven lebt darin, während ihr Mann Erik durch ganz Europa reist, um sein Glück zu machen. In den Fußstapfen Peer Gynts, des Ibsenschen Nationalhelden der norwegischen Literatur, versucht er sich als Händler, als Philosoph und bei den Frauen. Er lässt sich von Landsleuten in Paris ausbeuten und betrügt Kurienmitglieder in Rom; er kauft Wälder in Transsylvanien und bleibt bei einer schönen Witwe hängen; er kehrt heim zu Nina, die inzwischen jedes einzelne Zimmer der Villa so eingerichtet hat, wie sie sich die Länder vorstellt, aus denen er ihr schrieb. Und deren Namen die Räume von nun an tragen: Italien, Deutschland, Schweiz. Ganz Europa.

    Nina stirbt, und Erik schwängert sein Dienstmädchen Ovidia. Ovidia erbt die Villa und bekommt Oscar, ein empfindsames Kerlchen, das sich vor Abgründen und den Unsicherheiten des Lebens fürchtet. Der Erste Weltkrieg bricht herein, und Ovidia nimmt gestrandete Familienmitglieder und gefallene Frauen in ihr großes Haus auf. Oscar versagt beim Militär, wird Automechaniker und hält die Villa in Ordnung. ....

    alles lesen? http://www.welt.de/data/2004/03/06/246881.html?search=tanja+langer&searchHILI=1

    Ketil Bjornstad: Villa Europa. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Insel, Frankfurt/M. 536 S., 24,90 EUR.

     

    2003...........................

    25.10.2003

    Kohlen, an denen man sich nicht verbrennt

    Pat Barkers neuer Roman "Eissplitter" über jugendliche Gewalt

    von Tanja Langer

    In einem Interview hat Pat Barker gesagt, Schreiben sei für sie, als hole man Kohlen aus dem Feuer, ohne sich zu verbrennen. Sie sei engagiert und distanziert zugleich, und dies gewähre dem Leser einen Schutzraum, in dem er mitempfinden könne, ohne gefährdet zu sein. Mit diesen Sätzen im Hinterkopf lässt sich ihr neuester Roman wie eine versteckte Auskunft über die verschiedenen Anteile eines schreibenden Bewusstseins lesen.

    Zunächst aber geht es um die Geschichte Dannys, der als Zehnjähriger wegen Mordes an einer alten Dame in den Jugendstrafvollzug kam und nun mit 23 Jahren entlassen wird. Vor den Augen jenes Psychologen Tom, dessen Gutachten ihn damals für schuldfähig erklärt hat, wirft er sich in einen Fluss. Tom rettet ihn. Danny will unbedingt das Gespräch über den "Fall" neu aufnehmen, mit dem Mann, dem er seine Verurteilung zu verdanken glaubt. Er sei der Einzige, der ihn damals gekannt hat. Seitdem habe er mit einer fremden Identität leben müssen, abgeschnitten von seiner Vergangenheit. Ohne Wahrheit aber könne er nicht leben.

    alles lesen? http://www.welt.de/data/2003/10/25/187070.html

     

    27.09.2003

    Die letzte Maus für ein Buch

    Tatjana Tolstaja erzählt in "Kys" von einem Russland nach dem Großen Knall

    Sie ist nicht die Enkelin Leo Tolstois. Sie ist die Großnichte Alexander Tolstois. Nicht einmal literarisch ist sie eine Nachfahrin Tolstois. Von nichts wäre sie weiter entfernt als von dessen Realismus. Und doch ließe sich an Tolstoi und eine große russiche Tradition anknüpfen: die romantische Liebe der Schriftsteller zum Volk. Ein für uns schwieriger Begriff, der für zeitgenössische russische Autoren, egal welcher Ausrichtung, eine große Bedeutung hat. Man müsse wissen, wie das Volk lebt, so Victor Jerofejew, um die russische Literatur zu begreifen. Tatjana Tolstaja mokiert sich gern über allerlei "postmodernistische" Spielereien und Experimente. Ihr erster Roman "Kys" wirkt wie eine eigenwillige, höchst formbewusste Antwort auf das, was sie kokett beschimpft.

    Geschildert wird das Volk der "Schätzchen", das 300 Jahre nach dem "Großen Knall" in der Gegend von Fjodor-Kusmitschk (einst Moskau) mehr schlecht als recht lebt. "Transgeburten" und Mutanten, menschenartige Tiere, tierhafte Menschen, die an den "Spätfolgen" jenes Ereignisses leiden, das an die Katastrophe von Tschernobyl erinnert, werden vom Tyrannen Fjodor Kusmitsch beherrscht. Er geht einem Erwachsenen bis zum Knie und wird gern wie ein Hausschwein auf dem Schoß gehalten. Er dichtet angeblich alles, was es zu lesen gibt und von einem Heer Kopisten abgeschrieben wird. Das Volk zitiert ihn mit Leidenschaft, und natürlich sind es alles Werke großer russischer Poeten, von Puschkin bis Zwetajewa. "Altgedruckte" Bücher sind verboten; doch nichts ist begehrter beim Volk, das sich von Mäusen ernähren muss und die letzte Maus für ein Buch hergibt.

    weiterlesen? http://www.welt.de/data/2003/09/27/173875.htm!

     

    06.09.2003

    Kurz und knapp

    Spätestens seit Dietrich Schwanitz' "Campus" schwant einer respektvoll erschütterten Welt, dass selbst die altehrwürdigste deutsche Universität bisweilen an Sodom und Gomorrha gemahnt, was unbotmäßige fleischliche Verhältnisse zwischen Lehrkörpern und Studierenden anbelangt. Die verhängnisvolle Affäre, von der Roland Koch erzählt, ist weniger schrill, dafür aber umso eindringlicher. Paul, Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, verfällt der Studentin Olivia. Obwohl er das Gefühl genießt, becirct zu werden, fühlt er sich schon in der ersten gemeinsamen Nacht als Verräter an seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter. Von Olivia lassen kann er dennoch nicht. Koch, der biografische Affinitäten zum Plot in einem Nachsatz dementiert, ist ein Kenner sowohl der Alma mater als auch ihrer menschlichen Abgründe. Die Erzählweise ist flott, die Moral leicht säuerlich. Zumal für GermanistikstudentInnen empfehlenswert.

    Ins leise Zimmer. Von Roland Koch. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 240 S., 18,90 EUR.

    Für die alten Griechen lag der Kaukasus am Rande der bekannten Welt. Wir wissen, dass dort Georgien, Aserbeidschan und Tschetschenien liegen, dass unerbittlich Kriege geführt werden. Und wir bekommen Bücher zu lesen, die vom rauen Leben in kargen Felslandschaften erzählen. Eines der Völker dort sind die Osseten, und einer von ihnen ist Alan Tschertschessow. Er hat in Moskau, Norwegen und Amerika studiert, lehrt jetzt Literatur und möchte seines Volkes Stimme sein. Er beschwört wortreich raunend eine Dorfgemeinschaft, die in einem der Erde zugewandten Leben politisches und menschliches Heil sucht. Im neuen Epos werden Frauen unterworfen, die dies lieben, Zwist und Schande zeugen von des Menschen Wesen, das mit und gegen Schicksal und Blut ringt, und jede Landschaft dient der symbolischen Überhöhung. Die Russen verliehen ihm den angesehenen Literaturpreis ihrer Akademie dafür. Die Sehnsucht nach Atavismen ist in Zeiten des Umbruchs eben groß.

    Ein Kranz für das Grab des Windes. Von Alan Tschertschessow. A. d. Russ. v. Annelore Nitschke. DVA, Frankfurt/M. 616 S., 29,90 EUR.

     

    23.08.2003

    "Eingerollt in eine Muschel"

    Alessandro Bariccos Gewalt-Fantasie

    von Tanja Langer

    Es beginnt wie in einem Mafiafilm: Vier Männer fahren in der Nacht bei einem verlassenen Bauernhof vor und töten mit reichlich Blut und pathetischen Reden ihren Erzfeind Manuel Roca. Es heißt, der Krieg sei vorbei, doch nicht für diese Männer. Der kleine Sohn Rocas wird ebenfalls abserviert. Nur Nina, die Tochter, vom Vater in einem Erdloch versteckt, überlebt. Weil Tito, der Jüngste der Rächer, der sie entdeckt, plötzlich gerührt ist von ihrem Anblick. Sie hat sich nämlich "eingerollt wie eine Muschel - das gefiel ihr - sie war Schale und Tier". Ein perfektes Bild, in vollkommener Ordnung, vollkommener Reinheit. "Sie kontrollierte die Symmetrie ihrer Schuhe, die Seite an Seite lagen wie in einem Schaufenster, nur schräg. Sie mochte diese Ordnung. Wenn du eine Muschel bist, ist Ordnung unentbehrlich. Wenn du Schale und Tier bist, muss alles perfekt sein. Die Genauigkeit wird dich retten."

    Während oben Vater und Bruder lautstark niedergemetzelt werden, ist das kleine Mädchen also seelenruhig mit seiner Positionierung befasst. Nun kann man sagen, dies sei eine Form der Ausblendung in höchster Not. Doch das ornamentale Arrangement der Muschel, das hier die rettende Figur bildet, macht stutzig.

    Reinheit, Ordnung. Wir kommen darauf zurück.

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    05.04.2003

    Erklär mir: Liebe

    Binnie Kirshenbaum kanns auch nicht erklären. Weiß aber, warum sie so schwierig ist zwischen Juden und Deutschen

    von Tanja Langer

    Zur Zeit tut sich was. Deutsche, amerikanische, israelische Autoren um die 40 befragen die Auswirkungen der deutschen Geschichte, der Hitlerzeit und des Krieges auf ihr Leben. Die New Yorkerin Binnie Kirshenbaum ist schon seit längerem in dieser Richtung unterwegs; sie hat sich einen Namen mit scharfzüngigen Geschichten über intelligente Herumtreiberinnen gemacht. Frauen, die, verheiratet oder nicht, in 100 Affären und Liebeleien, die sie selbstbewusst und kapriziös gestalten, einen Verlust an Verwurzelung wettzumachen suchen. Und finden die Liebe nicht und erzählen davon mit herzzerreißender Komik und gesellschaftskritischer Bissigkeit.

    Bei "Entscheidungen in einem Fall von Liebe" ist der Ton Kirshenbaums ernster, so wie es ihrer Heldin Hester dieses Mal auch ernst zu sein scheint. Die intelligente New Yorker Historikerin, Jahrgang 1962, kommt nach München, verliebt sich in den fast 20 Jahre älteren deutschen Professor für mittelalterliche Geschichte, Heinrich Falk, und bleibt. Er ist mehrfach verheiratet, erotoman wie sie und wie sie behherscht von der Angst, verlassen zu werden. Das wäre schon genügend Stoff für die Analyse eines Diskurses der Liebe, gepaart mit psychoanalytischer Erkenntnisfreude; aber da kommt noch etwas dazu: Hester ist jüdischer Herkunft, und Heinrich ist es nicht. Ihre Eltern wurden wie seine in Deutschland geboren, ihre mussten das Land verlassen, seine nicht. Ihre Eltern taten sich schwer mit der Assimilation, so dass Hester sich ihrer häufig schämte, während er auf seine überaus durchsetzungsfähige Mutter stolz war.

    Über diese Herkunftsgeschichten erfahren wir viel, denn Hester, die sich vor der Leidenschaft genauso fürchtet, wie sie nach ihr sucht, macht aus ihrem Geliebten ein Forschungsprojekt: Deutsche Männer, in den Vierzigern geboren. Eine originelle Methode, Eifersucht und Angst unter Kontrolle zu bringen. Sie befragt seine Ex-Frauen, Assistentinnen, Familienmitglieder, sie wälzt Akten, um das Leben der Eltern zu rekonstruieren, sie starrt auf den Geliebten, wie Frauen das gern machen, immer mit den Empfindungen des anderen beschäftigt.

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    22.02.2003

    Mücken auf dem Mount Everest

    Willem Frederik Hermans’ großer Roman über das Scheitern von Expeditionen

    von Tanja Langer

    Auf einem Foto sieht man ihn verschmitzt lächeln, um ihn herum mehrere Schreibmaschinen: Willem Frederik Hermans, kampfeslustiger niederländischer Schriftsteller, 1995 gestorben an zerfressener Lunge. Der passionierte Raucher litt seit seiner Jugend an schwachen Atemwegen. Es schien ihn nicht zu kümmern, wie vieles andere auch nicht. 1943 etwa brach er sein Studium der Geografie in Amsterdam ab, weil er mit dem Loyalitätsvertrag Hollands mit den Nazis nicht einverstanden war. Er legte sich mit Kollegen an, die ihn wegen angeblich pornografischer Texte scharf kritisierten. Er besuchte 1983 Südafrika, als das Land von anderen Autoren wegen des Apartheidregimes gemieden wurde. Einen Literaturpreis lehnte er ab, den Preis der Niederländischen Literatur nahm er 1977 an.

    Hermans schrieb, reiste und lehrte. Als Dozent für Geografie hielt er Literaturlesungen und machte eine Radiosendung über experimentelle Poesie in den frühen fünfziger Jahren. Er reiste nach Afrika, Argentinien und Sri Lanka, fuhr mit einem Sportwagen durch die Türkei und veröffentlichte zahlreiche Romane und Erzählungen. Ein gelehrter wilder Mann, sollte man meinen, furchtlos und engagiert. Hier zu Lande wurde er bekannt mit seinem Roman „Die Dunkelkammer des Damokles“.

    Als der Roman 1958 in den Niederlanden erschien, wollte niemand etwas über holländische Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg wissen; Hermans ging noch einen Schritt weiter und zeigte die moralische Ambivalenz selbst bei Widerstandskämpfern. Eine tiefe Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit zeichnet diesen Schriftsteller aus, auch in seinem nun auf deutsch erschienenen Roman „Nie mehr schlafen“. 1966 veröffentlichte Hermans ihn, dabei Forschungsreisen, die er nach Nordlappland unternommen hatte, verarbeitend, und natürlich lassen sich die Spuren des damaligen Existenzialismus in der europäischen Literatur nicht leugnen, für den das Scheitern ein großes philosophisches Sujet ist.

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    18.01.2003

    Sibirien lag in unserer Familie

    Christa Schmidt wurde 1959 in Duisburg geboren. Auf dem Klappentext ihres neuen Romans fehlt der Ort der Geburt, da lebt sie einfach in Berlin

    von Tanja Langer

    Das ist bemerkenswert, denn es ist ein Roman, der sich mit den blinden Flecken in der Herkunftsgeschichte zweier Frauen beschäftigt.

    Eine Kleinigkeit, nicht wahr, so wie der schon im letzten Roman „Eselsfest“ (1999) aufgetauchte Fuchspelz der Großmutter, der hier erneut besichtigt wird. Der zum Arsenal einer schwierigen Kindheit gehört, in der die Tochter auffängt, was ungesagt in den Wohnungen der Eltern die Atmosphäre erfüllt. Was aus Bruchstücken zu einer Art Legende des Schicksals zusammengeschustert wird, deren Bestandteile Kindheit im Dritten Reich, Bruch der Lebenslinie durch Flucht und Wiederaufbau heißen, und die durch stereotype Wiederholungen zu einer Form gerinnen, stocken, verhärten, die eine offenbar unbewältigte Erfahrung auf Eis legen möchte.

    Die Tochter schnappt die Brocken auf, in denen die Schrecknisse des Krieges zusammensurren, bis sich kristallin „der Russe“ daraus abzeichnet, als ewiger Feind, der alles weitere Leben erstickte. Über die frühe Landschaft des Vaters heißt es da „in einer fernen Zeit, einem weiten Land, da gab es riesige Wälder und tausend schöne Seen und ein Gehöft mit Pferden und Hunden, die wurden im Winter vor die Schlitten gespannt. Bis die Russen kamen.“

    Christa Schmidt lässt zwei Frauen in Berlin aufeinander treffen. Sie holt diese Enkelin der ehemaligen Feinde nah heran und macht aus dem verhassten Land von einst auf kuriose Weise eine Sehnsuchtslandschaft, die für die beiden Frauen so pittoresk und geheimnisvoll, verworren und verstörend ist wie die glitzernden Scherben der verlorenen Geschichte, die Johanna im Wohnzimmer ihrer Eltern aufgesammelt hat und aufbewahrt.

    Kein Wunder, dass die beiden Frauen sich in einer leeren Wohnung treffen, kein Wunder, dass sie so seltsam herausfallen aus jeglichem sozialem Netz, auch wenn erwähnt wird. Sie fliehen wie die Eltern, sie stellen die Entwurzelung der Eltern in ihrem eigenen Leben nach. Das mutet manchmal weltfremd an, und doch trifft es die innere Befindlichkeit eines Teils der Generation, die heute um die vierzig ist und in deren Knochen und Zellen die unverdauten Erlebnisse der Flüchtlingseltern stecken.

    Die fremde Wohnung, in der ein Mensch nach seiner Identität sucht, war der zentrale Ort in Schmidts Roman „Rauhnächte“, und auch im „Eselsfest“ beschrieb sie die Behausungen ihrer Figuren akribisch, um letztlich ihre Unbehaustheit im eigenen Leben umso deutlicher zu machen.

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    2002...................................

    10.08.2002

    Reißt den Vorhang von der Schiene!

    Elke Schmitters Roman über Frauen um 40 deprimiert

    Von Tanja Langer

    Die Lektüre dieses Romans hat mich schockiert. Und deprimiert. Und ins Grübeln gebracht. Eine Menge, für einen Roman, nicht wahr? Zunächst einmal: Ich habe dieses Buch nicht als Rezensentin gelesen, sondern als neugierige Kollegin. Und als Mitleidende natürlich, denn Elke Schmitters Roman handelt von ein paar vierzigjährigen Frauen, und zu denen gehöre ich nun auch schon bald.

    Das ist eine ungemütliche Sache, klar, und ich war begeistert über den Anfang des Romans: "Selma Craiss war eine Frau von über vierzig Jahren. Sie trug ihr Haar auf raffinierte Weise schlicht, ihre Kleidung war so unbetont, wie das für Geld zu erzielen war, und sie zeigte wenig Schmuck: sie war ein vollkommenes Mitglied ihrer Gesellschaftsklasse." Wow, dachte ich, da steht ja hinter jedem Wort ein literarisches Ausrufezeichen! Die will wohl einen deutschen Updike schreiben, eine richtig witzige Gesellschaftssatire, über das Altern und die Frauen und überhaupt! Mit richtigen Beschreibungen und diesem Quentchen ironischer Distanz, dank dessen wir es schaffen, über uns selbst zu lachen.

    Allein das Wort "Gesellschaftsklasse": Ja, gibt es das denn heute noch? Die Frau hat Geld, das ist klar, doch was macht sie zu einem noch dazu vollkommenen Mitglied ihrer Klasse? Gleich war ich neugierig. Und ich habe das Buch, das muss ich sagen, verschlungen. Ich wollte wissen, was los ist mit Selma, Literaturkritikerin, und ihren Freundinnen Angelika, Literaturwissenschaftlerin, und Bettina, Ex-Dramaturgin mit fünfjähriger Tochter.

    Sie schweben durch einen trägen, superheißen Berliner Sommer und erleben ein paar Dinge mit Männern, die ihre bisherigen Lebensgewohnheiten für einen zarten Augenblick in Frage stellen. Sie alle gehören zu einem typisch Westberliner Milieu, das man als "intellektuell" bezeichnen könnte, und das Elke Schmitter so beschreibt, dass mit intellektuell keineswegs "von Geist durchdrungen" gemeint ist, sondern eher "kopflastig", und in dem das Reden über Derrida, Schnitzler oder Vattimo zu einer sozialen Geste schrumpft so wie das Liebesleben dieser ganzen Leute auf ein vages Verzeichnen von winzigen Veränderungen in letzter Sekunde. Diese Leute leben so, als wäre die Berliner Mauer nie gefallen, sie merken es bestenfalls daran, dass ihre Putzfrauen aus Polen kommen. Diese Frauen leben so, als ob es den Feminismus nie gegeben hätte und als ob ihnen irgendjemand eingeschärft hätte, dass das Leben mit dreißig definitiv aufhört.

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    20.07.2002

    Wir sind nicht raffiniert, Madame

    Die Kanadierin Alice Munro seziert in ihren Erzählungen das Leben in den Vorstädten

    von Tanja Langer

    Alice Munro hat schon viele Alter gesehen: Die heute Siebzigjährige gilt als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Kanadas, deren Ruhm langsam, aber beständig wuchs, seit sie, Mutter von drei Töchtern, 1968 ihren ersten Erzählungsband "Dance of the Happy Shades" veröffentlichte. Seit sie angefangen hat, Situationen zu beschreiben, die im ganz normalen Leben stattfinden, von Kindern, Jugendlichen, jungen und älteren Frauen und Männern, Paaren und Sich-Trennenden.

    Zuerst seien es persönliche Konflikte gewesen, von denen sie ausgegangen sei, später habe sie sich ganz allgemein für die Auswirkung sozialer Veränderungen auf einzelne interessiert. Damit meint sie vor allem die Veränderungen durch das, was wir kurz "68" nennen, und was für die Kanadierin der Aufbruch in den Feminismus und gegen die Rassendiskriminierung bedeutet.

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    2001...................................

    5.5.2001

    Lass es kreisen!

    Christine Angots Roman "Inzest" handelt von lesbischer Liebe

    von Tanja Langer

    Drei Monate lang war ich homosexuell." So beginnt der atemlose Bericht der Icherzählerin, die sich in eine zehn Jahre ältere Ärztin verliebt und darüber fast den Verstand verliert. Die Erzählerin ist Schriftstellerin, sie trägt denselben Namen wie die Autorin, Christine Angot, hat eine sechseinhalbjährige Tochter namens Léonore - wie die Autorin, wenn man dem Klappentext Glauben schenkt. Warum auch nicht.

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    7.4.2001

    Schön, eine Deutsche in Paris zu sein

    Frühling in Frankreich, Frühling der deutschen Literatur: eine junge deutsche Schriftstellerin und ihre Erfahrung mit nationaler Repräsentanz

    von Tanja Langer

    Während sich hier zu Lande die Gemüter über den deutschen Nationalstolz erhitzen, besuchte ich mit 50 anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern Paris. Auf dem Weg vom Flughafen, der nach Charles de Gaulle benannt ist, bewunderte ich die imposanten Bauwerke der Stadt, den Louvre, die Conciergerie, das Grand Palais. Sie kamen mir alle ungeheuer riesig vor, und in der Erinnerung schrumpfte die viel diskutierte Berliner Architektur auf die Größe eines Kinderspielzeugs zusammen.

    Weil Paris wie so oft verstopft war, kurvten wir ...

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    2000...................................

    2.12.2000

    Mein schönstes, mein schrecklichstes Weihnachtsgeschenk:

    Eine Umfrage unter deutschen Schriftstellern

    Vergessen

    von Tanja Langer

    Das Geschenk lag nicht unter dem Weihnachtsbaum, der unfassbar groß und unendlich blinkend blitzte. Es lag nicht zu Füßen des wohlduftenden Grüns, an dem unendlich viele blanke blaue, goldene und rote Kugeln leise baumelten. Es lag nicht auf dem Tisch, der neben dem Baum stand und auf dem die bunt eingewickelten Präsente der Eltern lagen. Es war nicht zu fassen und ich in einem Alter, in dem das Leben eine Karrusselfahrt der Gefühle ist, während die erwachsenen Personen lächeln und so tun, als handele es sich um den Übungsplatz fürs dramatische Fach.

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    4.11.2000

    "Darüber will ich morgen nachdenken"

    Vom Winde zum Erfolg geweht: Margret Mitchell zum 100. Geburtstag

    Von Tanja Langer

    Das Leben ist kurz, lang ist die Kunst: Keine 49 war Margret Mitchell, als ein Betrunkener sie 1949 mit dem Auto überfuhr. Fast zehn Jahre dieses Lebens verbrachte sie damit, eines der meistgelesenen Bücher der Welt zu Papier zu bringen.

    Jung war sie, Mitte 20 erst, als die Journalistin aus Atlanta in Georgia damit begann, die Erfahrungen ihrer eigenen Familie mit den Wirren der amerikanischen Geschichte kurzzuschließen. Mit unglaublicher Freude am Detail und überraschender Kenntnis beschrieb sie den großen Bürgerkrieg zwischen den konservativen Südstaaten und den Yankees des Nordens, der das Land zwischen 1861 und 1871 schüttelte, beschrieb den Zusammenbruch einer Welt und die Schwierigkeiten der Neuorientierung.

    weiterlesen! http://www.welt.de/daten/2000/11/04/1104le200418.htx

     

    18.10.2000

    "Ach, wie mir das durch alle Adern läuft!"

    Einige Anmerkungen zum Thema erotische Literatur

    Von Tanja Langer

    Soso. Es wimmele in der zeitgenössischen deutschen Literatur von erotischer Literatur, hörte ich sagen, im Reich der Fiktion werde so viel gevögelt wie lange nicht mehr. Ob ich denn eine Vermutung habe, weshalb dies so sei? Als Expertin gewissermaßen? Ich druckste herum, gab zu bedenken, dass mir kürzlich die Herausgeberin einer so genannten erotischen Anthologie eine Geschichte zurückgegeben habe: Sie sei sehr schön, aber sie sei nicht erotisch genug.

    Hmm.

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    19.08.2000

    Wiepersdorf mon amour

    Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf - Ein Platz für Poeten, Ende Juli 2000

    Von Tanja Langer

    Wiepersdorf ist kein Ort, Wiepersdorf ist ein Zustand. Und so wie sich nur selten Aufzeichnungen von Morphiumsüchtigen über den Zustand des Rausches finden (eher noch über den Entzug), so ist es schwierig, über Wiepersdorf zu schreiben, solange man in Wiepersdorf ist. Indiskretionen könnten zudem Kopf und Kragen kosten.

    Wiepersdorf, 50 Häuser vielleicht, liegt nur knappe zwei Stunden südlich von Berlin im Landkreis Teltow-Fläming. Innerlich liegt es für uns Berliner Stipendiaten mindestens eine Tagesreise in der Kutsche davon entfernt, so lange wie die einstige Schlossherrin, Bettine von Arnim, in der Mitte des 19. Jahrhunderts hierher gebraucht hat oder die wöchentliche Lebensmittellieferung, die ihr Mann Achim von Arnim ihr in die Stadt schickte, wenn ihr hier in Wiepersdorf der Himmel aufs Haupt zu fallen drohte. Innerlich liegt Berlin von Wiepersdorf so weit weg wie Seattle oder Peking, obwohl das unsere Kollegen aus eben diesen Städten heftig bestreiten. Immerhin sei uns das Essen hier nicht fremd! Doch, doch, insistieren wir in unserem Wahn, wir kriegen zu Hause auch keine Rouladen.

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    10.06.2000

    Der Mörder ist meistens ein Netter

    Joyce Carol Oates seziert einen Serienmörder

    Von Tanja Langer

    Noch ein Serienkiller! Hier heißt er Quentin P., und Frau Oates lässt ihn selbst sprechen, in kurzen Tagebucheintragungen, die sich zwischen Schnodderjargon ("So denkt wohl ein solcher, eher schlichter Mensch") und gewissen Lyrismen ("Man muss dem Leser sprachlich doch etwas gönnen") hin und herbewegen. Es gibt sogar niedliche Handzeichnungen im Text.

    Routiniert entwirft Oates das Universum des netten jungen Mannes, Sohn eines Universitätsprofessors, dessen kalter Blick ihn auf immer daran hindert, anderen in die Augen zu sehen. Quentin, in früher Jugend wegen seiner grausamen Misshandlung eines Schulkameraden vorbestraft, besucht einen Therapeuten und wird von einem Bewährungshelfer regelmäßig besucht - gute Gelegenheit für die Autorin, sich über diese aufrechten Integrationssysteme zu mokieren ("Das wird Amerika empören!").

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    29.01.2000

    Berlin als Mittler zwischen Ost und West

    Als das Stadtschloß noch stand, fotografierte Sasha Stone die Hauptstadt der Goldenen Zwanziger Jahre

    Von Tanja Langer

    Nicht selten sind Zeitgeistkritiker konservativ. "Die Fassade der neuen Zeit macht mich unsicher", schrieb Joseph Roth in einem seiner Berlin-Feuilletons 1929, und heftig polemisierte er gegen eine stadtplanerische Gestaltung, deren Tradition er im Ungeschickt-Fragmentarischen sah und "in der unterlassenen Hemmung von bewusst bösen Tendenzen". Seine Ausfälle gegen Unordnung, Unübersichtlichkeit und "ein penibles Konglomerat" der unterschiedlichsten Physiognomien würde vielleicht auch ein Berlin-Betrachter von heute teilen, der sich über den Mangel einheitlicher, repräsentativer Orientierung in dieser sich stets wandelnden Stadt beklagt.

    Wer die gestalterische Vielstimmigkeit jedoch begrüßt, findet aus demselben Jahr 1929 einen neu aufgelegten Fotoband, der angenehm unaufgeregt und in seiner Zusammenstellung überraschend das Gesicht der Stadt Berlin vor Augen führt: "Berlin in Bildern". Sasha Stone, der zu den innovativen Fotografen der zwanziger Jahre gehörte, publizierte sie zusammen mit dem renommierten Architektur- und Kunstkritiker Adolf Behne. Stone arbeitete unter anderem an der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz mit, gestaltete Walter Benjamins Prosasammlung "Einbahnstraße" (1928) und lieferte Abbildungen für Tucholsky/Heartfields "Deutschland, Deutschland über alles" (1929).

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    22.01.2000

    Nur was uns berührt, das berühren wir

    Die Kroatin Slavenka Draculic schreibt über die Erinnerung der Körper

    Von Tanja Langer

    Ihr Gesicht ist pudrig weiß, und ihre Augen sind größer als die von Giulietta Masina in "La Strada". Sie nehmen dich ins Visier, und zugleich kannst du in ihrer Aufmerksamkeit baden. "Ein Resultat dieses verdammten Kriegs in Jugoslawien ist, dass ich plötzlich mehrsprachig bin, ohne etwas dafür getan zu haben. Früher sprach ich Serbokroatisch, jetzt spreche ich Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, verstehe auch Mazedonisch und Slowenisch."

    Das Publikum lacht; immer bringt Slavenka Draculic ihr Publikum zum Lachen. Nur dass ihre Witze auf unliebsame Realitäten zielen: Krieg, gesellschaftliche Missachtung, Gewalt in kleinem und großem Maßstab. Die 50-jährige Kroatin, Tochter eines Offiziers und einer "sehr schönen Frau", ist eine der meistgeladenen Sprecherinnen, wenn es um die Konflikte auf dem Balkan, um die "Identität Osteuropa" geht. Zwischen Madrid, Brüssel und Florenz ist sie auf Achse, von "FAZ" bis "Taz" füllt sie mit bissigen Kommentaren und scharfsichtigen Analysen die Spalten. Sie hakt im Alltag ein, erklärt, auf welch absurde Weise der Kapitalismus im Osten wild wuchert, was für Serben eine Uniform bedeutet, welche Faszination Billigläden auf sie selbst ausüben, wieso man am mangelnden Klopapier im Osten den wahren Mangel an Kultur erkennt.

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    1999...................................

    11.12.1999

    Eine Frage der Anpassung und der Voraussicht

    Das Geheimnis der Berliner Buchhändlerfamilie Kiepert

    Von Tanja Langer

    Er ist die Verhaltenheit in Person: Andreas Kiepert, Jahrgang 1957, Geschäftsführer der Berliner Buchhandlung Kiepert. Leger gekleidet in Dunkelgrau, unauffällige, schmale Silhouette, schwebt er durch die zweite Etage des Stammhauses Kiepert am Ernst-Reuter-Platz. Etwa 3000 zahlende Kunden verlassen täglich die über 5000 Quadratmeter große Verkaufsfläche, mit 6000 bis 8000 Büchern in ihren Taschen. Pro Tag. Macht im Jahr zwei Millionen Bücher. "Verhalten geschätzt", sagt Andreas Kiepert, der Theaterwissenschaften studiert hat und in seiner Freizeit Lieder von Schubert, Schumann und Brahms singt. Auch hin und wieder öffentlich. Verhalten.

    Er führt mich in bescheiden eingerichtete Hinterräume, hängt meinen Mantel in den Schrank und bietet mir Kaffee, Wasser, Kakao an. Auf dem Schreibtisch steht ein Bild, das wie eine mäßige Van-Gogh-Kopie anmutet, auf dem Tisch ein undurchschaubarer Gegenstand in Eulenform, gold und blau (ein Aschenbecher?). Keine Filmkulisse, keine Repräsentativität. Der Mann, der hier arbeitet, wollte eine Promotion über Bühnenbilder der sechziger Jahre schreiben.

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    20.11.1999

    "Die erzählende Prosa ist eine Dame"

    Jahrhundertbuch (Teil 16) - Virginia Woolfs Roman "Mrs. Dalloway"

    Von Tanja Langer

    “Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf ist sehr in Mode, was misstrauisch gegen sie macht. Ein geistreicher Kritiker hat sie als 'Joyce für Damen' verulkt; das scheint mir ungerecht, denn sie prätendiert nichts, was sie nicht ist." So schrieb Klaus Mann 1929 in einer Besprechung von "Mrs. Dalloway". Das Buch war im Jahr zuvor unter dem Titel "Eine Frau von fünfzig Jahren" im Insel Verlag Leipzig erschienen, in der Übersetzung von Theresia Mutzenbacher. Klaus Mann nannte den Roman, den er zusammen mit Jean Cocteaus "Les enfants terribles" vorstellte, "radikalstes 20. Jahrhundert" und begründete die innovative Kraft dieses in seinen Augen höchst lebendigen, ja "lebenswahren" Werks mit seiner originellen Komposition: "Man hat sich früher unter einem Roman etwas ganz anderes vorgestellt. Einen Roman schreiben hieß, eine ganz bestimmte Geschichte erzählen. Hier soll Leben gezeigt werden, scheinbar ohne jegliche Auswahl; wie es als Geruch, als Lärm, als Geschmack uns bestürmt. Denn kein Ding existiert vom anderen abgetrennt, alles ist Gewebe, Muster, Teppich und mystische Einheit."

    Es ist verblüffend, wie viele Themen Klaus Mann in seiner knappen Charakterisierung von Virginia Woolfs Roman ins Spiel bringt, die die Rezeption ihres Werkes, aber auch den Kult um ihre Person bis heute begleiten. Da ist das modische Element: Und sofort denken wir an das verträumt zarte Porträtfoto, das Gisèle Freund von der jungen Schriftstellerin gemacht hat und das in den siebziger und achtziger Jahren, einem Bekenntnis gleich, Buchhandlungen wie Wohngemeinschaften zierte.

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    19.08.1999
    Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!

    Das Rad der Vorurteile dreht sich munter rauf und runter oder Die Zehlendorfer Vorliebe für Aldi und Nessie im Schlachtensee

    Von Tanja Langer

    Wenn Sie zu den freundlichen Zeitgenossen gehören, die immer noch glauben, in Berlin sind alle gleich, muss ich Ihnen sagen, es ist wie überall: Alle sind gleich, nur manche sind gleicher. So bat mich kürzlich ein Berliner Stadtmagazin, etwas über "mein Berlin" zu schreiben. "Möchten Sie, dass ich über meinen Kiez schreibe?", fragte ich, tief versunken in die Überlegung, was denn mein Berlin sein könnte. "Na klar", schmetterte der Mann ins Telefon, "Sie werden ja nicht gerade in Zehlendorf wohnen!"

    Peinliches Schweigen meinerseits ragte ungeschickt in sein fröhliches Lachen hinein, das unser Einverständnis über die Unmöglichkeit, in Zehlendorf zu wohnen, vorauszusetzen schien. Nur kurz ein komplexes Netz von Lügen erwägend - denn eine würde unzweifelhaft die andere nach sich ziehen -, entschied ich mich, den Tatsachen mutig ins Auge zu blicken: "Doch" sagte ich, "genau da wohne ich." "Oh", hörte ich am anderen Ende, und nach einer Pause: "Oh". Sehen Sie. So ist das hier. ...

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    24.07.1999
    Ins helle Herz der Finsternis

    Christina Godshalks "Kalimantaan"

    Von Tanja Langer

    Lassen Sie mich, bevor Sie und ich in die Ferien fahren, Ihnen noch rasch von einem Buch erzählen, damit Sie Gelegenheit haben, es in Ihren Koffer zu packen. "Kalimantaan" eignet sich nicht etwa wegen seiner Leichtigkeit für die Urlaubslektüre, sondern weil es besser ist, ihn in großen Abschnitten zu lesen. Und weil die Gefahr besteht, alles andere zu vergessen, wenn man sich einmal eingelassen hat auf die Geschichte des Engländers Gideon Barr, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts auszog, das ferne Borneo zu erobern. Kalimantaan ist der frühere Name für die malaiische Insel. Natürlich ist Barr keine historische Gestalt, sondern das wunderbare Amalgam aus dokumentierten Begebenheiten und der reichen Erfindung der Amerikanerin Christina Godshalk. Amalgam enthält Quecksilber, quecksilbrig ist auch Godshalks Stil, wild und raffiniert, kantig und poetisch, fließend und aufgerauht, in eigenwilligem Wechsel.

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    15.05.1999
    Landschaft mit Pupuseh

    Martin Mosebach verliebt sich in "Die Türkin"

    Von Tanja Langer

    Wahre Komiker, das ist bekannt, sind im Grunde melancholische Menschen. Sie bewältigen die Unbillen des Lebens, die zumeist Störungen ästhetischer und moralischer Art sind, indem sie mittels schräger Perspektiven auf Distanz gehen. Die daraus resultierende Darstellung der Wirklichkeiten, zwischen denen zu lavieren diese Wesen oft gezwungen sind, aus deren Diskrepanzen sie Kapital schlagen, ist für uns Leser im Falle des Gelingens eine köstliche Sache. Von Gelingen läßt sich vor allem dort sprechen, wo der Mann mit dem komischen Blick diesen auf sich selber richtet. Er macht Witze auf eigene Kosten, wir können unbekümmert lachen und fühlen uns aufs angenehmste respekiert.

    Martin Mosebachs neuer Roman "Die Türkin", scheint ein solcher Glücksfall zu sein. Der Ich-Erzähler seiner Geschichte ist ein hochgebildeter junger Kunsthistoriker, der dazu neigt, sich mit seinem feinsinnigen Wahrnehmungsapparat in, sagen wir mal, Platanen zu verheddern, über deren Beschaffenheit er dann seitenweise räsonniert, mit assoziativen Schlenkern zu schmuddeligen Lappen und gestärkter Wäsche. Auf diese Fährte gelockt, landen wir mit ihm ...

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    10.04.1999
    Einzig der Tod stirbt niemals

    Familientreffen in Antigua: Jamaica Kincaid geht mit ihrem Bruder ins Grab

    Von Tanja Langer

    Als ich meinen Bruder nach langer Zeit wiedersah, lag er in einem Bett des Holberton Hospitals, auf der Straße Gweneth O'Reilly, und es hieß, er würde an Aids sterben." Mit diesem Satz beginnt Jamaica Kincaids Buch. Er nimmt vorweg, was die 1949 in der Karibik geborene Autorin darin entfalten wird: daß der Tod unausweichlich ist, daß er sie mit ihrem Leben konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ihres Bruders führt zu einer Erschütterung ihrer Wahrnehmung.

    Die Erzählerin, eine Schriftstellerin, macht sich auf den Weg in ihre Heimat, die Insel Antigua in der Karibik. 20 Jahre lang hat sie den Kontakt mit ihrer Familie dort gemieden, hat sich nur in Gedanken mit ihrer Mutter beschäftigt, die sie grausam findet, die sie haßt und von der sie nicht loskommt. 20 Jahre lang hat sie sich ein Leben aufgebaut, den Beruf, die eigene Familie. Erst der angekündigte Tod ihres Bruders bringt sie dorthin zurück, und hier, an seinem Sterbebett, erscheint ihr dieses eigene Leben wie eine Vergangenheit, bei der sie Schutz sucht. Schutz vor den Gefühlen, die in ihr aufflackern und die sie im Zaum zu halten sucht. Im Zaum präziser Beobachtung und Beschreibung, im Zaum eines Aktionismus, mit dem sie der Krankheit Aids zunächst begegnet.

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    03.04.1999
    Der Fuchs gehört sich selbst

    Die seltsame Geschichte des Schriftstellers Ted Hughes und seiner Geburtstagsbriefe an Sylvia Plath

    Von Tanja Langer

    Ted Hughes, der englische Dichter und Hofpoet, wurde 1930 in einem Dorf in West Yorkshire geboren, in der wilden Moorlandschaft der Schwestern Brontë. 1998 starb er an einem Krebsleiden, nachdem er, einem Vermächtnis gleich oder besser einem letzten Bekenntnis, die Gedichtsammlung "Birthday Letters" vorgelegt hatte. Die poetische Aufarbeitung seiner Beziehung zur amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, mit der er verheiratet war und zwei Kinder hatte.

    Auf einer Party lernen sie sich kennen, 1956, beide am Beginn ihrer Laufbahn. Zum Abschied beißt Plath ihn, und Hughes erinnert sich in den "Birthday Letters" an den "Burggraben aus Zahnabdrücken, / Der mein Gesicht für den nächsten Monat brandmarken sollte. / Das Ich darunter für immer".

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    09.01.1999

    Na dann, Nasdrowje!

    Liebe Leserin und lieber Leser, kurz vor Weihnachten steckte ich meine Nase in einige Berliner Kulturredaktionen. Es ist immer nett, noch ein paar gute Wünsche loszuschicken, bevor die schwerste Zeit des Jahres für eine besondere Gattung Mensch anbricht: die Redakteure nämlich. (Damen sind eher selten in der Branche - ich traf eine Fraktion an, vollkommen verschnupft über dampfenden Teetassen "es gibt keinen Kaffee hier, wir sind alle auf Homöopathie", daher gilt meine Aufmerksamkeit heute ausschließlich den Herren der Schöpfung.) Redakteure sind für außenstehende Mitarbeiterinnen in erster Linie Telefongenies. Mit samtener, seidiger, bei Bedarf auch rauher Stimme bitten sie um Beiträge. Sie locken, überreden, flöten, sie scheuen kein Pathos, wenn sie es für wirksam halten: "Ich rutsche vor Ihnen auf den Knien" etwa. Doch sie können auch drohen: "Ich verliere meine Arbeit, wenn Sie mir nicht in einer Stunde 100 Zeilen liefern."

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    09.01.1999
    Und immer wieder geht die Sonne auf

    Peter Süß, Chefautor von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", erfindet 100 Szenen pro Woche

    Von Tanja Langer

    Was wollten Sie als Kind werden?" - "Bundeskanzler." - "Bundeskanzler?" - "Ja. Willy Brandt und Helmut Schmidt waren meine großen Vorbilder. Ich war zutiefst betrübt, als Willy Brandt abdankte." - "Wie alt waren Sie da?" - "Acht, glaube ich."

    Heute ist Peter Süß Chefautor der am meisten gesehenen "daily soap" Deutschlands "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", kurz: GZSZ (sechs Millionen Zuschauer). Da kann man sehen, wo all die kitschigen Opernplots hingekommen sind, die er als Kind aufgenommen hat: Mit acht Jahren stand der kleine Peter (aktuell 1,94 Meter groß) nämlich Abend für Abend auf der Bühne.

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    1998

    24.12.1998
    Was uns gefällt, ist nicht wichtig

    Helma von Kieseritzky und Ulla Biesenkamp sind eine Berliner Institution

    Von Tanja Langer

    Wollen Sie etwas über literarische Reportagen vor dem Ersten Weltkrieg wissen? Oder über psychoanalytische Theorien in Rußland? Interessiert es Sie, was man Anfang der siebziger Jahre in Deutschland über Algerien las? Gehen Sie in die Autorenbuchhandlung in Berlin-Charlottenburg. Fragen Sie Helma von Kieseritzky und Ulla Biesenkamp. Die Autorenbuchhandlung war und ist eine Institution, etwas betagt, doch keineswegs angestaubt. Am 16. Januar 1976 gründen Helma von Kieseritzky und Thomas Kühne sie nach dem Münchner Vorbild als GmbH; 14 Gesellschafter sind dabei, Schriftsteller wie Ingeborg Drewitz und Elisabeth Plessen, Günther Grass, Christoph Meckel und Hans Christoph Buch - um nur einige zu nennen. Als Mitglieder werden weitere Autoren geworben, die sich mit 1000 Mark "einkaufen"... 1982 kommt Ulla Biesenkamp aus Paris dazu; ... Zuerst bewirbt sie sich bei Hans Brockmann in der Heinrich-Heine-Buchhandlung, fasziniert von seiner Besessenheit und seinem unermeßlichen Buchlager im alten Luftschutzbunker am Bahnhof Zoo. "Ich schlug ihm vor, einen Computer zu kaufen und sich mal eine Übersicht zu verschaffen. Aber Übersicht war das letzte, was Hans interessiert hat."

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    19.12.1998
    Die Lektorin und Verlegerin Elisabeth Ruge hat keine Angst vor schwierigen Menschen

    Von Tanja Langer

    Manchmal ist es bei lnterviewterminen wie bei "Columbo": Im Gehen fallen Sätze, die wie ein Schlüssel für das Gespräch wirken, Sätze zwischen Tür und Angel. "Vielleicht wäre ich in einem anderen Leben gern eine Forscherin geworden", sagt Elisabeth Ruge, "mein Mann und ich haben eine große Leidenschaft für Vögel, das ist in unseren beiden Familien Tradition. Sie haben ja die Bilder in der Küche gesehen." Sie hält inne, schaukelt mit der kleinen Shenja (ein Jahr alt) auf dem Arm hin und her. "Irgendwo im Tibet, nur mit Zelten unterwegs, das könnte ich mir vorstellen, und dann eine völlig unbekannte Vogelart entdecken." Sie zuckt mit den Achseln. "Das ist das ewige Dilemma, nich", (sie sagt oft dieses kleine Wörtchen "nich?"), "wenn man sich für Menschen interessiert, muß man sich auf sie einlassen, muß Bindungen eingehen und an einem Ort sein."

    Und man muß die Unruhe - in Bücher packen. Elisabeth Ruge (Jahrgang 1960) ist eine der angesehendsten Lektorinnen hierzulande; 1994 hat sie mit ihrem Mann Arnulf Conradi und Veit Heinichen den Berlin Verlag gegründet, hat das Programm mitgestaltet und einen großen Teil der Titel selbst betreut. Der prominenteste Autor unter ihren Fittichen: Ingo Schulze. Durs Grünbein hat ihn empfohlen, auch die Agentin Karin Graf. Von Anfang an war es eines ihrer Lieblingsprojekte: Weil sie die russischen Autoren liebt, auf die Schulze sich in "33 Augenblicke des Glücks" bezieht, und "weil ich selbst in Rußland war und sehe, wie genau er alles beobachtet hat".

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    12.12.1998
    "Ich bin ein Chamäleon"

    Lob für DeLillo: Übersetzer Frank Heibert ist schnell und bescheiden

    Von Tanja Langer

    Das Klavier, auf dem seine ältere Schwester übte, stand in seinem Zimmer. Er hörte sich das an, und mit vier Jahre "krähte" er solange, bis auch er Unterricht bekam. Das Gör hat das absolute Gehör, hieß es schnell. Das Gör heißt Frank Heibert, ist heute 38 und einer der renommiertesten (jüngeren) Übersetzer dieses Landes. Er ist blond, trägt eine randlose Brille und hat etwas von einem gespannten Flitzebogen. Er ist hinreißend freundlich und bescheiden und erteilt mit großer Begeisterung Auskunft über seine Leidenschaft: das Übersetzen.

    Dabei könnte er geradezu eingebildet sein. Als ich zu Hause die Liste seiner Übersetzungen sah, lag ich vor Bewunderung schon flach: 75 Titel aus dem Englischen, Französischen, Portugiesischen, Italienischen und Spanischen, Romane, Theaterstücke und Essays, unerwähnt die zahlreichen Texte für die Berliner LiteraturWERKstatt und andere Veranstalter. Von Boris Vian über Le Clézio bis zu Marie Darrieussecques "Schweinerei", von Peter Brook über Nicky Silver ("Fette Männer im Rock", in der Baracke des Deutschen Theaters in Berlin zu sehen) bis zum Kultdramatiker Tony Kuchner reicht diese Liste, die mit Don DeLillos Meisterwerk "Unterwelt" vorläufig schließt.

    "Ich habe mich gar nicht getraut zu fragen", sagt er, "und außerdem ist es besser in diesem Metier, gefragt zu werden."

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    05.12.1998
    Ohne Geschichten ist uns kalt im Herzen

    Manuel Rivas liebt alles Ungezähmte und die Erinnerung einer Kultur im Widerstand

    Von Tanja Langer

    Die Welt wird alt / und es schneit." Auf der Straße 106 in Pankow, in einer kalten Winternacht, küßt er mich auf die Wangen, heftig und überraschend. Dann eilt Manuel Rivas zum "Tschaikowski", um mit seinem Kollegen Julio Llamazares und einem Pulk junger Leute etwas zu trinken. "Ich trinke immer viel zu viel", sagt er nach seiner Lesung in der LiteraturWERKstatt, "und ich habe das Geschichtenerzählen in Hafenspelunken gelernt". Hafenspelunken ist eines seiner Lieblingswörter, als kulminierten alle wilden Geschichten dieser Erde darin, von Schatzsuchern und Seefahrern, die Schiffbruch erleiden, von schwangeren Frauen, die Mäuse jagen, die in ihrem früheren Leben Patres waren, und von Raben, die über diesen Frauen wachen. Wie über Rosa, die Heldin seines Romans "In wilder Gesellschaft", dem ersten, der ins Deutsche übersetzt worden ist. "Ich wollte", sagt er, "unbedingt aus der Perspektive einer Frau schreiben, denn von allen Grenzen, die es gibt, ist die zwischen Mann und Frau die schrecklichste, die zwischen der männlichen und der weiblichen Hälfte in uns selbst."

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    28.11.1998
    Grenzen der Gesellschaft

    Michael Roes will, daß Schriftsteller die Grenzen in der Gesellschaft anders ziehen

    Von Tanja Langer

    Er wird rot, als ich ihn nach dem Beruf seines Vaters frage. Er ist verärgert, aber freundlich. Michael Roes ist bereit, über seine Arbeit zu sprechen, doch jegliche Auskunft zu seiner Person vermeidet er: Solch "billige Biographismen", sagt er, schieben sich nur störend zwischen sein Werk und seinen Leser.

    Was hilft's? Wie einer spricht, sich bewegt, wie seine Stimme klingt: Wir Leser sind nun einmal neugierig auf das, was wir den Menschen nennen. Welche Herkunft einer, der zum Schreiben kam, hinter sich gelassen hat. Wir suchen nach Indizien, wir wollen das körperliche Wesen erahnen, das sich hinter oder in ach so vielen Zeilen verbirgt. Schließlich wissen wir, daß Literatur ein Spiel mit Masken ist.

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    http://www.welt.de/daten/1998/11/28/1128lw82162.htx

    14.11.1998
    Alles eine Frage des Mineralwassers

    Egal was passiert, Louis Begley begeht "Mistlers Abschied" in Venedig

    Von Tanja Langer

    Thomas Mistler ist Anfang 60 und hat Krebs. Er hat nicht mehr lange zu leben, so schickt ihn sein Autor, Louis Begley, nach Venedig. Begley hat keine Angst in literarischen Dingen. So spielte er in "Wie Max es sah" geradezu unbekümmert mit Motiven von Proust. Weshalb sollte er dann Thomas Mann scheuen, und wieso sollte ihn dessen Erzählung "Der Tod in Venedig" schrecken? Schließlich hat er doch eine eigene Geschichte zu erzählen, und jeder hat das Recht, Venedig zu lieben. Wie Joseph Brodsky etwa, in seiner wunderbaren, sinnlichen Gedankenerzählung "Ufer der Verlorenen".

    Thomas Mistler, wie die meisten Romanhelden Begleys ein erfolgreicher Geschäftsmann, ist ein Zyniker, seine Ähnlichkeit mit Thomas Manns Aschenbach besteht vielleicht sogar darin, daß er sich sein Leben lang in preußischer Härte versuchte, alles im Griff zu halten. Und doch, was für ein Unterschied! Denn während uns Thomas Mann zeigt, welchen Preis Aschenbach dafür bezahlt, stets die Contenance zu wahren, führt uns Louis Begley in grausamem Realismus einen Prototypen der heutigen Welt vor Augen, der nicht wirklich um Fassung zu kämpfen hat. Den es ebensowenig berührt, bald sterben zu müssen, wie es ihm zuvor zu schaffen machte, regelmäßig seine Frau zu betrügen oder berufliche Konkurrenten aus dem Feld zu räumen.

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    http://www.welt.de/daten/1998/11/14/1114lw81286.htx
    oder einen anderen Artikel über Louis Begley lesen?
     

    07.11.1998

    Keinen Klatsch, bitte!

    Sie fragen mich, ob ich an einer Klatschkolumne über die literarische Szene in Berlin mitschreiben könnte. Und Sie wundern sich, daß ich lachen muß. Sehen Sie, ich bin sehr stolz auf meine Diskretion, und ich weiß gar nicht, was an meinen Beobachtungen geeignet wäre zum Klatschen. Eine wahre Concierge, so sagt man in Frankreich, versteht sich darauf auszuplaudern, worüber zu schweigen sich gehörte. Was bleibt da zu erzählen? Daß ich im Salon von Carolin Fischer nicht nur Sybille Lewitscharoff, Bachmann-Preisträgerin im knappen Kostümchen sah, sondern auch Jan-Peter Bremer, den Freundlichen, mit seiner Frau, die ihren Kugelbauch, in ein geblümtes Mädchenkleid gesteckt, am ebenfalls schönen Bauch von Thomas Hettche, Schriftsteller aus Frankfurt am Main, Juror in Klagenfurt, rieb? Ist von Interesse, daß Hettche beim Lesen tänzelte oder daß er mir später am Kühlschrank mein Lachssandwich stahl?

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    http://www.welt.de/daten/1998/11/07/1107lw80858.htx

     

    7.10.1998

    Befremdliche Kindheit, verstörende Welt

    "Der Schwan" bricht auf ins Erwachsensein: Gudbergur Bergsson weiß von einem Mädchen in Island

    Von TANJA LANGER

    Ein kleines Mädchen wird in den großen Ferien aufs Land geschickt, zwecks moralischer Besserung: Sie hat in einem Laden unbezahlte Sandwiches verdrückt. Vor ihr liegt ein langer, merkwürdiger Sommer, an dessen Ende sie, mit neun Jahren, früh in die Pubertät eintritt.

    Das Kind erhält vom isländischen Schriftsteller Gudbergur Bergsson keinen Namen, auch die anderen Menschen auf dem Bauernhof heißen "die Tochter", "der Bauer", "der Knecht". Sie alle sind so seltsam, wie man sich das von einer solchen Erzählung nur wünschen kann, sind verwoben mit einer Landschaft fernab vom Meer, in der das Licht zu Sinnestäuschungen einlädt. Um Täuschungen anderer Art geht es in den Begegnungen "der Kleinen", wie sie genannt wird, mit den Erwachsenen (auf Kinder trifft sie kaum), die sich in ihr Vertrauen schleichen, ohne sich für sie zu interessieren. Die unzuverlässig sind, weil sie über den Tellerrand ihrer Angelegenheiten nicht hinaussehen.

    Bergsson (Jahrgang 1932) nähert sich der Welt, durch die sich das Kind bewegt, behutsam an. Er beschreibt sorgsam, was es sieht, und was in ihr vorgeht. Er schildert seine Einsamkeit und die harte Selbsterziehung, mit der es sich in die neue Situation hineinzufinden bemüht. Ohne dem Klischee des kindlichen Blicks zu verfallen, läßt er die schwebende Atmosphäre entstehen, in der die Erwachsenen sich in geheimnisvollen Beziehungen an der Grenze zur Nichtbeziehung entlang bewegen. Sexualität, Schwangerschaft, Tod: alles hat für "die Kleine" eine existenzielle, fremde, beängstigende Dimension.

    Manchmal verläßt Bergsson das Kind, verliert sich im sozialen Treiben der lnselbewohner, die sich einmal im Jahr zum Gemeindefest treffen, trinken, tanzen, reden. Und die zu ihrem Alltag zurückreiten, nachdem sich die Frauen zwischen sanften Hügeln von Mitgliedern der gastierenden Blaskapelle haben beschlafen lassen.

    Manchmal sind die Bilder, die Bergsson für die innere Welt des Mädchens findet, in ihrer Gewaltsamkeit forciert: etwa wenn sie sich wünscht, ein Betrunkener möge ihr Gesicht auf die schwärende Wunde auf seinem Arm drücken, "so daß sie keine Luft mehr bekam, ihre Zähne in die Wunde schlug und ihr der Eiter in den Mund quoll wie gelbliches Fett".

    Zwar überträgt sich das Unbehagen des Mädchens so auf den Leser, weil er sich abgestoßen fühlt. Überzeugender ist Bergsson, wenn er auf solche Extreme verzichtet, um ihre Ohnmacht, ihre verdeckte Aggression, ihre Angst zu vermitteln. "Jetzt schlüpfte sie in ihren schwarzen Regenmantel nicht mehr hinein, sondern hängte sich ihn lose über den Kopf, wie gelähmt vor Schläfrigkeit, wenn sie das Geräusch des Regens auf dem wasserdichten Stoff hörte. In diesem Augenblick war sie nicht unter dem Mantel und auch nicht in der Scheune, sondern ein trockenes Bündel in einer schwarzen Haut, die sie und die Welt verhüllte. Sie war ein Junges in einem schwarzen Ei mit schwarzer Schale und sie wartete darauf, daß jemand die Schale zerbrach."

    Gudbergur Bergsson erzählt leise und eindringlich von einer seelisch gefährdeten Heranwachsenden. Weil er riskiert, sich wie das Kind auf das Changieren zwischem Realem und Surrealem einzulassen, gewinnt "Der Schwan" eine verstörende Intensität, die an Carson McCullers oder Truman Catotes Jugendromane erinnert.

    Gudbergur Bergsson: Der Schwan. Roman. Aus dem Isländischen von Hubert Seelow. Steidl, Göttingen. 192 S., 34 Mark.

     

    29.09.1998
    Fleiß ist eine Liebeserklärung an das Leben

    Später Start in die Weltliteratur: Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley hält eine schützende Distanz zu allem

    Von TANJA LANGER

    War es einer der praktischen, immer angemessenen Tweedanzüge, die seine Figuren so gerne tragen? Ich habe tatsächlich versäumt, es zu registrieren, so schnell nahmen Louis Begleys helle Augen und sein wechselvolles Mienenspiel mich gefangen. Und dann mußte ich mich ganz auf seine verhaltene Stimme konzentrieren, die ihren Weg von weit her ins Freie zu nehmen schien. Ein Flor, der zu den Falten unter seinen Augen paßt, und einen Kontrast zu seiner präzisen, eleganten Ausdrucksweise bildet. Zu den komplexen Sätzen, mit denen er gleichbleibend freundlich Fragen beantwortet. Immer wieder ähnlich werden sie gestellt, denn das Werk dieses angesehenen New Yorker Wirtschaftsjuristen, der mit 56 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, suggeriert enge Parallelen zwischen Fiktion und Leben.

    Die äußeren Linien stimmen ja auch überein, sagt Begley über seinen Helden in "Lügen in Zeiten des Krieges", das 1991 (199 deutsch, wie alle seine Romane, bei Suhrkamp) eine literarische Sensation war: Der kleine Jude Maciek, 1933 in Polen geboren, überlebt den Naziterror als Katholik getarnt - und mit Hilfe seiner schönen wie erfinderischen Tante Tanja. Doch dieser distanzierte, fast zynische Junge mit dem kühlen Kopf, der seine Identität verliert, weil er nur als Chamäleon eine Chance hat, ohne Innenwelt, in die er fliehen kann: der sei ganz anders als er es war. Begley, der Ludwik Begleiter hieß und mit seiner Familie 1947 nach Amerika emigrierte, hatte nämlich das Glück, die Literatur für sich zu entdecken. Er habe immer gelesen. Die ganze Zeit. ...

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    http://www.welt.de/daten/1997/09/29/0929ku94417.htx
     

    20.03.1998
    "Ich liebe Doppelleben"

    Joachim Sartorius, Leiter der Goethe-Institute, ist ein spiritueller Nomade

    Von Tanja Langer

    Vor dem Gespräch: die Fotos. Joachim Sartorius, der zwischen 1986 und 1994 als Leiter des Berliner DAAD-Programms hier im Café Einstein ein und aus ging, macht vor der Kamera unwillkürlich einen Schritt zurück und landet zwischen den Flügeln der Eingangstür. Kaum ein besseres Bild gibt es für diesen Wanderer zwischen den Welten der Diplomatie und der Dichtung, der Versenkung in Kunst und ihrer pragmatischen Förderung. Er konzentriert sich für die Aufnahme, bemüht sich, nicht zu lächeln, das Gesicht eine Abfolge der verschiedensten Geschichten, zehntelsekundenschnell mitgeteilt, gebannt in der Pose des Denkers, die Hand wie einen Rahmen ans Gesicht geführt. Plötzlich läßt er sie fallen, lacht auf, steckt die Hände in die Hosentaschen: "Vielleicht lieber so?"

    Und da sehe ich ihn, den 14jährigen Jungen am Straßenrand, mit dem Fuß nach einem Stein kickend, unter der Sonne - Tunesiens. Das weiß ich noch nicht, das wird er mir aber gleich erzählen: Joachim Sartorius, seit 1996 Leiter der Goethe-Institute (135 sind es auf der Welt; 350 Mitarbeiter sind es allein in der Zentrale in München).

    "Ich glaube nicht an die Berufung zum Dichter", sagt er auf die Frage, wann er in seinem Alltag die Zeit anhalten könne, um Gedichte zu lesen und zu schreiben. ...

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    www.welt.de/daten/1999/03/20/0320lw63244.htx
     

    26.03.1997
    "Leidenschaft ist wie Gänseleberpastete"

    Den Lebenshunger der Simone de Beauvoir dokumentieren ihre Briefe an Jean-Paul Sartre aus den Jahren 1930 bis 1963

    Von TANJA LANGER

    Mythen verlocken dazu, sie zu demontieren, und es ist die Stärke der Mythen, solche Versuche bestens zu überstehen. Als Simone de Beauvoirs verschollen geglaubte Briefe an ihren Lebensgefährten und philosophischen Mitstreiter Jean-Paul Sartre 1990 in Frankreich erschienen, blieb der erwartete Skandal aus. Die Presse nahm die teilweise überraschend intimen Bekenntnisse de Beauvoirs überaus wohlwollend auf. Schließlich machen die Briefe, die den Zeitraum von 1930 bis 1963 umfassen, nur deutlich, daß die Mitbegründerin des Existenzialismus und engagierte Vorreiterin des Feminismus das gleiche liebte wie alle Franzosen: gutes Essen, guten Wein, ihr eigenes Land und Liebesaffären. Niemand rüttelte an diesem nationalen Idol, bloß weil es Frauen liebte und sich als gerissene Intrigantin zeigte.

    Die Reaktionen in Deutschland wirken dagegen geradezu puritanisch. Die Briefe dienen hier offensichtlich einer erneuten Revision dieser Persönlichkeit, die einer Abrechnung nahekommt - Verteidigung auf der einen, unverhohlene Abscheu oder herablassendes Gelangweiltsein auf der anderen Seite.

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    http://www.welt.de/daten/1997/03/26/0326ku87304.htx
     

                       to be continued ...